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Scabies |
Die Kontrolle von Krätzeepidemien in Pflegeeinrichtungen ist eine infektionsmedizinische Herausforderung. Dies hängt mit verschiedenen Faktoren zusammen: Bei polymorbiden älteren Menschen ist die Diagnose erschwert, da die Hauteffloreszenzen häufig atypisch sind und andere Dermatosen das Krankheitsbild maskieren. Eine exakte Erhebung der Anamnese ist nur selten möglich. Pflegebedürftige, insbesondere Demenzkranke, kooperieren häufig nur eingeschränkt bei der Gewinnung von Hautgeschabsel zur mikroskopischen Untersuchung oder der Ganzkörperbehandlung mit einem topisch wirksamen Medikament. Enger Hautkontakt ist bei der Körperpflege nicht zu vermeiden und erhöht das Ansteckungsrisiko des Personals. Bei einigen topisch applizierbaren Substanzen sind die Anwendungsprozeduren kompliziert und verlangen ein hochmotiviertes medizinisches Fachpersonal. In der Regel sind mehrere Allgemeinärzte für die Betreuung der Bewohner einer Einrichtung verantwortlich, deren Kenntnisse der Ektoparasitose gering sind und die auch nicht über infektionsepidemiologisches Wissen verfügen, um eine Epidemie zu bekämpfen. Familienangehörige, die die Patienten besuchen, lassen sich nicht kontrollieren.
Bisher basierten Versuche Skabiesepidemien in Pflegeeinrichtungen zu bekämpfen auf dem wiederholten Einsatz extern wirksamer Skabizide wie Benzylbenzoat, Crotamiton oder Lindan. Patienten mit Scabies crustosa mussten über einen Zeitraum von mehreren Wochen einmal wöchentlich mit Lindan behandelt werden. Die wiederholte Applikation topisch wirksamer Skabizide auf alle Körperteile unter Aussparung der Schleimhäute bedeutete für das Pflegepersonal einen erheblichen Arbeitsaufwand, insbesondere wenn die Betroffenen bettlägerig waren. Zusätzlich wurden die Kürzung der Nägel, die Bürstung der subungualen Region und die Auflösung der Nägel mit 40-prozentigem Harnstoff empfohlen. Patienten mit Skabies wurden für mehrere Wochen isoliert und infiziertes Pflegepersonal wurde von der Arbeit suspendiert, was den Personaldruck in einer Einrichtung weiter erhöhte. Autoren, die die Bekämpfung einer Epidemie nach den o.g. Vorgaben durchführten, kamen zu dem Schluss, dass die Transmission von Sarcoptes scabiei stets nur vorübergehend unterbrochen und letztendlich aus einer Epidemie ein endemischer Zustand wurde.12,14,18 Der Misserfolg der Bekämpfungsmaßnahmen war unabhängig von dem eingesetzten topisch wirksamen Medikament.12,14,18 Ein neues Konzept zur Eliminierung der Skabies in Pflegeeinrichtungen wird von einer Gruppe deutscher Dermatologen vorgeschlagen, das auf dem Prinzip der synchronen Massenchemotherapie beruht:13 Alle Heimbewohner, das gesamte Pflegepersonal sowie Familienmitglieder von Patienten bzw. Pflegepersonal, zu denen in den letzten vier Wochen enger Körperkontakt bestand, werden am selben Tag mit Permethrin 5 %-Creme (Kinder < 6 Jahre 2,5 %) ganzkörperbehandelt. Die Behandlung ist also unabhängig davon, ob ein Verdacht auf Skabies vorliegt oder nicht. Zeitgleich werden alle Patienten mit einer Scabies crustosa mit Ivermectin behandelt (2 x 200µg/kg im Abstand von 8–10 Tagen). Zusätzlich empfehlen die Autoren dieser Studie das Wechseln von Matratzen, der Bettwäsche und der Bekleidung und die Desinfektion der Räume, Fußböden, Vorhänge und Möbel. Heimbewohner mit einer Skabies sollten unbedingt strikt isoliert werden (keine gemeinsamen Mahlzeiten, Einschränkung der Kontakte untereinander, kein Besuch von Familienangehörigen, Benutzungssperre für Polstermöbel und Vorhänge). Mit diesem Maßnahmenpaket erreichten die Autoren eine vollkommene Unterbrechung der Transmission in mehreren Altersheimen mit seit längerem bestehenden Epidemien.13 Die vorgeschlagenen, extrem arbeits- und zeitintensiven Reinigungs- und Desinfektionsmaßnahmen, die Ganzkörperbehandlung mit Permethrin und die Durchführung der Isolierung lassen sich durch die in einer Einrichtung vorhandenen Personalressourcen vermutlich nicht realisieren, so dass zusätzliche Mitarbeiter requiriert werden müssen.
Mehrere Studien belegen, dass Krätzeepidemien in Einrichtungen immer dann erfolgreich bekämpft werden konnten, wenn Ivermectin im Rahmen einer Massenchemotherapie eingesetzt wurde.10,12,15,18 Diese Autoren kommen zu dem Schluss, dass durch die synchrone Gabe von Ivermectin die Transmission rasch unterbrochen wurde. Sie verweisen zu dem auf die gute Verträglichkeit der Substanz auch bei älteren polymorbiden Personen.12,17,18
Aufgrund der hohen Wirksamkeit von Ivermectin bei allen Formen der Skabies, der positiven Erfahrungen mit Ivermectin in stationären Pflegeeinrichtungen, dem praktischen Vorteil einer einmaligen Einnahme im Vergleich zu einer Ganzkörperbehandlung, des geringen Infektionsrisikos, das von Textilien oder anderen inerten Oberflächen ausgeht, wird folgendes Vorgehen als Bekämpfungsmaßnahme in einer Einrichtung empfohlen: Zeitgleiche (das heißt, an einem Tag) Behandlung von allen Heimbewohnern, Pflegepersonal und Angehörigen (die engen Körperkontakt zu Bewohnern oder Pflegepersonal hatten), Isolierung von Patienten mit Scabies crustosa sowie deren Behandlung mit Ivermectin.
Ablauf von Bekämpfungsmaßnahmen:
| ► | Untersuchung aller Heimbewohner und des Personals durch einen Dermatologen oder einen dermatologisch versierten Infektiologen; Dokumentation aller auffälligen Befunde; Hinzuziehung des zuständigen Amtsarztes und der Pflegedienstleitung, |
| ► | zeitgleiche Behandlung aller Heimbewohner, unabhängig davon, ob Skabies-verdächtige Läsionen vorliegen oder nicht, |
| ► | Desinfektions- und Reinigungsmaßnahmen nur im Zimmer von hochkontagiösen Patienten (Scabies crustosa), |
| ► | Wechsel und Reinigung von Bettwäsche und Unterwäsche aller Heimbewohner, |
| ► | tragen von Schutzkleidung und Einmalhandschuhen bei der Pflege, |
| ► | zeitgleiche Behandlung des gesamten Pflegepersonals, unabhängig davon, ob Skabies-verdächtige Läsionen vorliegen, |
| ► | Behandlung aller Familienangehörigen/Partner von Patienten bzw. Pflegepersonal, mit denen in den letzten vier Wochen enger Körperkontakt bestand, |
| ► | Wiederholung der Therapie bei Patienten mit Skabies nach acht Tagen, |
| ► | 14-tägige Isolierung der Patienten mit Scabies crustosa, |
| ► | dermatologische Nachuntersuchung aller Heimbewohner, der Angehörigen und des Personals nach 14 Tagen, |
| ► | evtl. erneute Behandlung von Patienten mit Scabies crustosa in Abhängigkeit vom dermatologischen Befund und gegebenenfalls Verlängerung der Isolierung für weitere 14 Tage, |
| ► | Koordinierung der medizinischen, hygienischen und pflegerischen Maßnahmen durch den Infektiologen/Dermatologen/Amtsarzt zusammen mit der Heimleitung. |
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