|
Übersicht
unter epidemiologischem Aspekt: |
|
Die folgende Übersicht wurde im Robert Koch-Institut erarbeitet und enthält Beiträge aus dem Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz. Sie repräsentiert wichtige Teile des Erkenntnisstandes von Mitte Januar 2001. Weitere Informationen zu dieser Problematik finden sich auch im Internet-Angebot des RKI (http://www.rki.de/INFEKT/BSE/BSE.htm) .Ein Themenheft der Zeitschrift Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz, in dem ausführlich zur Situation und zu wichtigen Teilproblemen berichtet wird, ist in Vorbereitung.
Erscheinungsbild
der BSE/TSE: 1985 wurden im Vereinigten Königreich Großbritannien und
Nordirland (GB) die ersten vereinzelten Fälle einer bis dahin unbekannten
Rindererkrankung beobachtet, die mit zentralnervösen Störungen einherging. Im
Jahr 1986 wird sie als eigenständige Krankheit erkannt und als ›bovine
spongiforme Enzephalopathie‹ (BSE, deutsch: schwammartige Hirnkrankheit des
Rindes) bezeichnet. In der Folgezeit tritt die Krankheit hauptsächlich in den
Milchviehherden im Süden des Landes auf, später wird sie auf der ganzen
britischen Insel registriert. Die Tiere können ab einem Alter von 20 Monaten über
die gesamte Lebensspanne hinweg an BSE erkranken. Das durchschnittliche Alter
erkrankter Rinder liegt bei 4 –6 Jahren. Neben Verhaltensänderungen wie Ängstlichkeit
oder Aggressivität kommt es zu Bewegungsstörungen, die zum plötzlichen
Niederstürzen der Tiere führen können. Nach einer mit fortschreitender Schwäche
einhergehenden Krankheitsdauer von bis zu 6 Monaten kommt es zum endgültigen
Festliegen der Tiere. Eine spontane Heilung oder eine Therapie gibt es nicht.
Die Krankheit endet immer tödlich.
Auf
Grund der Übertragbarkeit einerseits und der sehr spezifischen Veränderungen
im Gehirn andererseits rechnet man die BSE zu den transmissiblen spongiformen
Enzephalopathien (TSE). Zu den TSE zählen auch Erkrankungen des Menschen: die
Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK), das Gerstmann-Sträussler-Scheinker-Syndrom
(GSS), die fatale familiäre Insomnie und Kuru (in Neuguinea im Zusammenhang mit
kannibalistischen Riten beobachtet).
Ursachen
der Entstehung und Verbreitung von BSE: Zwei Hypothesen zu den Ursachen des
seuchenhaften Auftretens der BSE in GB, die beide epidemiologisch gut belegt
sind, gelten als am wahrscheinlichsten:
Schafkadaver
und Schlachtabfälle von Schafen, bei denen angesichts der Häufigkeit von
Scrapie unter britischen Schafen davon ausgegangen werden muss, dass sie
teilweise mit dem Erreger der Schafkrankheit Scrapie belastet waren, wurden
neben anderen Tierkadavern und Schlachtabfällen in Tierkörperbeseitigungsanstalten
unter Hitzeeinwirkung zu Tierkörpermehlen verarbeitet (seit Ende der 70er
Jahre unter veränderten Bedingungen, s.u.) und dann in der Tierfütterung
als proteinreiche Futtermittel verwendet.
Durch
die geschilderten Fütterungspraktiken könnte sich ein bislang nicht
erkannter Erreger einer spezifischen Rinderenzephalopathie im Rinderbestand
ausgebreitet und letztlich zu der großen Zahl von BSE-Erkrankungen geführt
haben.
Beide
Erklärungen zum Ursprung von BSE haben ihre Schwächen. Für die Hypothese der
Annahme einer seltenen Erkrankung des Rindes selbst spricht, dass die
biologischen Eigenschaften des BSE-Erregers von denen aller bisher bekannten
Scrapiestämme abweichen. Falls BSE von Anfang an eine Rinderenzephalopathie
war, müsste BSE auch in anderen Ländern aufgetreten sein, die ähnliche
Tiermehl-Herstellungsverfahren wie in GB angewendet haben (z. B. auch in den
USA). Wäre der Ursprung von BSE in Scrapie begründet, bliebe unverstanden,
warum nicht auch die Scrapie-Fallzahlen in GB, bedingt durch die Verfütterung
von infektiösem Tiermehl an Schafe, dramatisch angestiegen sind.
Aus
produktionstechnischen Gründen wurden etwa ab Ende der 70er Jahre in GB in
vielen Tierkörperbeseitigungsanstalten die Herstellungsbedingungen von Tierkörpermehlen
geändert. Zum Entzug von Fetten dienende Chemikalien wurden nicht mehr
verwendet. Damit entfielen sekundäre Erhitzungsprozesse mit Dampf, die zum Ziel
hatten, die Entzugschemikalien zu verflüchtigen. Folglich wurden seither die
etwa vorhandenen Scrapie-Erreger oder BSE-Erreger nicht mehr ausreichend
inaktiviert und verblieben als infektiöses Potenzial im Tierkörpermehl. Durch
den bis 1986 unbemerkten Anstieg der BSE-Infektionen wurden von etwa 1980 bis
1985 in immer größerer Zahl infizierte Tiere wieder zu Tiermehl verarbeitet
und der Erreger dadurch massenhaft weiter verbreitet.
Im
Auftrag der EU wurden alle in den Mitgliedsländern angewandten Verfahren zur
Tierkörpermehlherstellung auf ihre Fähigkeit überprüft, den BSE-Erreger zu
inaktivieren. Durch ein Verfahren, das eine Erhitzung auf mindestens 133 °C bei
3 bar Überdruck für 20 min erreicht, wurde in diesen Versuchen eine deutliche
–allerdings bei hoher Erreger-Belastung nicht vollständige – Inaktivierung
von BSE- bzw. Scrapie-Erregern erreicht. Durch eine EU-Entscheidung vom Mai 1996
ist dieses, in Deutschland seit etwa 60 Jahren übliche Verfahren, als alleinige
Produktionsmethode in der gesamten EU zugelassen (Übergangsfrist bis
01.04.1997), dennoch wurden daneben auch in Deutschland weiterhin in großem
Umfang unzureichende Produktions- bzw. Inaktivierungsverfahren angewendet
BSE
in Europa: Im Laufe der Jahre stieg die Zahl der erkrankten Tiere auf bisher
mehr als 177.000. Das wäre allein schon Grund genug, die BSE mit allen zur Verfügung
stehenden Mitteln zu bekämpfen. Mittlerweile ist BSE in unterschiedlichem Ausmaß
in fast allen Ländern Europas einschließlich Deutschlands aufgetreten.
Die
ersten BSE-Fälle in anderen Ländern als GB waren in der Frühphase durch den
Import infizierter Tiere oder durch den Einsatz erregerhaltiger Tierkörpermehle
aus GB zu erklären. Inzwischen dürfte es, nicht zuletzt durch die ungenügende
Umsetzung und Kontrolle des EU-weiten Verfütterungsverbots von Tiermehl an
Wiederkäuer von 1994, in den meisten Ländern Europas zu einer eigenständigen
BSE-Epidemie gekommen sein.
Folgende
BSE-Fallzahlen wurden in Europa für das Jahr 2000 registriert: Belgien 9, Dänemark
1, Deutschland 7, Frankreich 125, GB 1.241, Niederlande 2, Portugal 114,
Republik Irland 57, Schweiz 33, Spanien 2 (Quelle: Office International des
Epizooties, Stand: 11.01.2001). Ein weiterer Anstieg der Fallzahlen in einzelnen
Ländern der EU in den nächsten Jahren ist wahrscheinlich. Die Wirkung der im
Jahr 2000 getroffenen Maßnahmen, etwa des Verfütterungsverbotes von Tiermehl
an jegliche Tierarten, wird erst ab dem Jahr 2004 deutlich sichtbar werden .Die
Erfahrungen in GB seit 1996 zeigen, dass durch ein entsprechend umfassendes Verfütterungsverbot
und damit einhergehende Kontrollen die Fallzahlen tatsächlich drastisch gesenkt
werden können.–Außerhalb Europas ist BSE nur in Einzelfällen bei aus GB
importierten Rindern in Kanada, in Oman und auf den Falklandinseln aufgetreten.
BSE
in Deutschland: Zwischen 1985/86 (dem Auffälligwerden der BSE in GB)und 1993
wurden über 13.000 Rinder aus GB nach Deutschland eingeführt. Außerdem wurden
in den Jahren 1987–89 etwa 1.200 Tonnen Tiermehl direkt aus GB importiert. In
Deutschland wurde die weitere Verbreitung von BSE trotz des vergleichsweise
recht hohen Sicherheitsstandards bei der Herstellung von Tierkörpermehlen begünstigt
durch
die
Tiermehlherstellung unter Verwendung potenziell stark erregerhaltiger
Risikomaterialien (Hirn, Rückenmark) sowie von Tieren mit erhöhtem Risiko
(verendete Rinder, Not- und Krankschlachtungen) und
eine
unzureichende Erregerinaktivierung z. B. bei der Knochenmehlproduktion.
Etwa
30 % des in Deutschland produzierten Tiermehls und Tierfetts wurden noch bis
Mitte 2000 bei Temperaturen nicht über 100 °C und ohne Überdruck erzeugt. Der
in der Vergangenheit immer aufs Neue wiederholte Hinweis auf die hohe Sicherheit
des Tiermehls in Deutschland ließ zudem außer Acht, dass Importe von
Tiermehlen aus anderen Ländern jederzeit möglich waren und auch
stattfanden.–Die aktuell als mögliche Ansteckungsquelle diskutierten
Milchaustauscher enthalten Tierfette, die u. U. zum Teil aus Risikogeweben
gewonnen wurden und die zudem möglicherweise nicht ausreichend hitzeinaktiviert
worden sind.
Trotz dieser Risikofaktoren sind zwischen 1986 und 2000 in Deutschland nur 6 BSE-Fälle bekannt geworden, die alle bei importierten Tieren auftraten (5 Importe aus GB, einer aus der Schweiz). Es ist sehr wahrscheinlich, dass es bereits vor 2000 weitere BSE-Fälle in Deutschland gegeben hat, die aber –zum Teil auf Grund ungenügender Überwachungsmaßnahmen –nicht entdeckt wurden. Mit Einführung der BSE-Schnelltests hat sich diese Situation drastisch geändert. Seit Beginn der Tests in großem Umfang im Oktober 2000 wurden bisher 19 BSE-Fälle bestätigt (Stand:24.01.2001). Die weitere Entwicklung der BSE-Fallzahlen in Deutschland ist zur Zeit noch nicht absehbar .Auf der Basis der aktuell verfügbaren Daten kann in Deutschland bis Ende des Jahres 2001 mit 150 – 500 BSE-Fällen gerechnet werden. Die im Jahr 2000 getroffenen Maßnahmen zur Eindämmung von BSE konnten das Gefahrenpotenzial nicht sofort grundsätzlich ausschalten, sie dürften aber spätestens in 4 – 5 Jahren eine deutliche Wirkung zeigen.
Art
und Eigenschaften des Erregers: Nach der Prion-Hypothese besteht das infektiöse
Agens aus einer infektiösen, fehlgefalteten Form eines körpereigenen Proteins,
dem Prion-Protein. Das Prion-Protein wird z. B. auf neuronalen und lymphoiden
Zellen exprimiert. Die Vermehrung des Erregers erfolgt durch Umwandlung der
normalen Struktur des Prion-Proteins in die fehlgefaltete Form, deren Auftreten
mit der Infektion bzw. mit der Erkrankung assoziiert ist. In Übereinstimmung
mit dieser Hypothese sind Maus-Stämme, denen das Prion-Protein fehlt, nicht
infizierbar. Demzufolge werden die TSE-Erreger auf Grund der Prion-Hypothese
auch häufig als ›Prionen‹ bezeichnet und der gesamte Formenkreis dieser
Krankheitsbilder als Prion-Erkrankungen zusammengefasst.
Die
TSE-Erreger weisen sehr ungewöhnliche Eigenschaften auf:
eine
hohe Resistenz gegen Hitze (die Hitzeresistenz übertrifft die Überlebensfähigkeit
bakterieller Sporen deutlich!), ionisierende Strahlung, UV sowie gegen
DNAsen und RNAsen,
das
Fehlen einer messbaren Immunantwort gegen den Erreger im infizierten
Organismus, das die Diagnostik dieser Erkrankungen erheblich erschwert.
Die
große Hitzestabilität bedingt, dass der Erreger bei den in der
Speisenherstellung üblichen küchenmäßigen Zubereitungstemperaturen nicht
ausreichend abgetötet wird.
Übertragung
des Erregers auf verschiedene Tierarten: Experimentelle Übertragungen haben
gezeigt, dass sowohl die Schafkrankheit Scrapie als auch die Rinderkrankheit BSE
oder die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK) des Menschen auf eine Vielzahl
anderer Tierarten übertragbar sind, so z.B. auf andere Wiederkäuer, Nagetiere,
Fleischfresser (Katzen, Nerze), Schweine und unterschiedliche Affenarten. BSE
konnte auf Krallenaffen (Marmosets) durch Injektion in das Gehirn übertragen
werden, bei Makaken gelang die Übertragung auch über das Futter. Auch Katzen
und Nerze können sich durch Aufnahme erregerhaltigen Futters infizieren.
Nach
dem Auftreten von BSE in Rinderbeständen kam es bis heute in mehreren Ländern
Europas in zoologischen Gärten bei 24 Tierarten zu über 85 BSE-Erkrankungen.
Außerdem sind seit 1990 mindestens 90 Fälle bei Hauskatzen bekannt geworden,
davon die meisten in GB. Dies zeigt, dass der BSE-Erreger auf natürlichem Weg
über die Nahrungsaufnahme auf eine Vielzahl weiterer Tierarten übertragbar
ist.
Zur
Frage einer BSE-Infektion von Schafen, Schweinen, Geflügel, Fischen:
Besorgniserregend ist, dass potenziell infektiöses Tiermehl auch an andere
Tierarten als Rinder verfüttert wurde; die Verfütterung an Schafe besitzt eine
besondere Relevanz. Tatsächlich sind Schafe und Ziegen experimentell über die
Nahrung mit BSE infizierbar. Eine BSE-Infektion des Schafes könnte, da die
Symptome mit denen einer Scrapie-Infektion identisch sind, leicht mit Scrapie
verwechselt werden. Bisher ist kein schnelles Verfahren zur Unterscheidung von
Scrapie und BSE im Schaf bekannt. Während Scrapie bisher weitgehend als harmlos
für den Menschen angesehen wurde, muss dies für BSE in Schafen nicht unbedingt
gelten. BSE im Schaf könnte zudem unter Umständen wie Scrapie in der
Schafpopulation persistieren, d. h. es könnte in der Folge zu einer von
Tiermehl unabhängigen Infektion von Schafen mit BSE kommen.
Auf
Grund dieser Problematik ist gegenüber Scrapie eine deutlich stringentere
Vorgehensweise als in der Vergangenheit notwendig. Die Wahrscheinlichkeit der
BSE-Infektion des Schafes muss durch eine genaue Überprüfung der Fütterungspraktiken
in der Vergangenheit abgeklärt werden. Außerdem wäre es sinnvoll, z. B. durch
Adaptation der BSE-Schnelltests für Schafe eine Bestandsaufnahme der tatsächlichen
Scrapie-Prävalenz in den Ländern der EU zu machen, da Scrapie möglicherweise
verbreiteter ist, als bisher angenommen wurde. Eine Ausweitung der Schnelltests,
die bisher Scrapie nicht von BSE unterscheiden können, aber geeignet sind,
infizierte Tiere zu erfassen, auf alle Schlachttiere würde von der Bewertung
der Ergebnisse der Voruntersuchungen abhängen. Verbesserte diagnostische Möglichkeiten
und schnellere Verfahren zur Diskriminierung von BSE und Scrapie in Schafen und
Ziegen sind dringend erforderlich. Die frühe Infektion lymphoider Gewebe bei
Schafen und Ziegen könnte auch für die Entwicklung möglicher Frühdiagnostika
genutzt werden.
Schweine,
Geflügel und Fische sind, soweit bisher untersucht, nicht bzw. nicht über die
Nahrung infizierbar. Offenbar ist hier die sog. Spezies-Barriere so hoch, dass
selbst die jahrelange Exposition mit für Rinder infektiösem Tiermehl, wie in
GB geschehen, nicht zu BSE-Erkrankungen geführt hat. Mit dem Verbot der Verfütterung
von Tiermehl an jegliche Tierarten ist diese hypothetische Möglichkeit einer
Infektion weiterer Spezies zunächst unterbunden. – Neuere wissenschaftliche
Erkenntnisse haben noch einmal deutlich gemacht, dass beim Übergang des
Erregers von einer Spezies auf die andere subklinische Infektionsverläufe
auftreten können, in denen sich der Erreger sehr langsam im Wirtsorganismus
vermehrt, ohne dass es zum Ausbruch der Erkrankung kommt. Dass in einer Spezies
bisher keine BSE- Erkrankung beobachtet wurde, ist also allein noch kein Grund
zur Entwarnung. Insgesamt gesehen besteht bzgl. der BSE-Infektion von Schafen,
Ziegen, Schweinen, Geflügel und Fischen noch deutlicher Forschungsbedarf.
Die
neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (vCJK):
Manifestation
der BSE-Erkrankung beim Menschen
Nachdem
die Übertragbarkeit und der Infektionsweg von BSE erkannt waren, befasste sich
eine unabhängige wissenschaftliche Kommission in GB mit der entstandenen
Situation und den daraus resultierenden Gefahren für die menschliche
Gesundheit. Sie fasste ihr Urteil folgendermaßen zusammen: ››Nach heutiger
Erkenntnislage ...wird BSE für die menschliche Gesundheit keine Folgen haben.
Dennoch, sollten unsere Abschätzungen dieser Wahrscheinlichkeiten falsch sein,
wären die Folgen äußerst ernsthaft.‹‹ (Southwood-Report ,Februar 1989, S.
21, Absatz 9.2). Der erste Teil dieser Aussage erwies sich als Fehleinschätzung.
Tatsächlich ist die Gefährdung des Menschen durch BSE sehr realer Natur und
die Folgen sind dementsprechend ernst. Im März 1996 wurden in GB 10 Fälle
einer neuen Variante von CJK bekannt (vCJK). Sie trat bei relativ jungen
Patienten auf (Durchschnittsalter 27 Jahre) und wies einen im Vergleich zur
klassischen CJK veränderten Krankheitsverlauf sowie ein spezifisches,
neuartiges Bild der Gehirnveränderungen auf.
Eine
ganze Reihe von Infektionsexperimenten mit transgenen Mäusen, die entweder das
humane oder das bovine Prion-Protein exprimieren, hat beeindruckend gezeigt,
dass der Erreger von BSE und vCJK in diesen Modellsystemen biologisch und
biochemisch praktisch nicht zu unterscheiden ist. Im Vergleich zu Scrapie wiesen
in diesen Untersuchungen sowohl der BSE- als auch der vCJK-Erreger eindeutig
andere Eigenschaften auf.
Bisher
sind in GB 92 gesicherte oder wahrscheinliche vCJK-Fälle aufgetreten (Stand:
18.01.2001), dazu kommen 3 Fälle in Frankreich und 1 Fall in der Republik
Irland. Zusammengenommen zeigen die erwähnten experimentellen Befunde und der
zeitlich-räumliche Zusammenhang zwischen dem Auftreten von BSE und vCJK in GB,
dass vCJK mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das Analogon der BSE
beim Menschen darstellt. Über den weiteren Verlauf der vCJK-Epidemie in GB und
den anderen Ländern Europas lassen sich derzeit keine verlässlichen Aussagen
treffen. Mit dem Auftreten von vCJK ist in weiteren Ländern der EU und damit
auch in Deutschland zu rechnen. Bisher wurde in Deutschland noch kein
Erkrankungsfall der vCJK beobachtet.
Die
Wahrscheinlichkeit für vCJK-Infektionen auch in Deutschland dürfte in direktem
Zusammenhang zur Aufnahme des BSE-Erregers über die Nahrung stehen. Zur
retrospektiven Abschätzung dieser Gefährdung in Deutschland müsste untersucht
werden, welche Nahrungsmittel in den letzten 20 Jahren Risikomaterialien
enthielten. In diesem Zeitraum lag mit Sicherheit eine BSE-Exposition der Bevölkerung
vor, diese ergab sich durch
Importe
von Rindern bzw. Rindfleischprodukten aus GB von 1980 – 1996,
entsprechende
indirekte Importe aus GB über Drittländer,
Importe
aus anderen EU-Ländern mit eigener BSE-Problematik,
BSE-infizierte
Rinder in Deutschland selbst.
Das
humanpathogene Potenzial des BSE-Erregers macht deutlich, dass vor allem bezüglich
der Diagnostik, der Therapie, der Pathogenese und der Übertragung der TSE noch
erheblicher Forschungsbedarf von gesundheitspolitischer Relevanz besteht, der
weit über die Probleme für die Landwirtschaft hinausgeht. In diesem
Zusammenhang ist eine deutliche Verbesserung der nationalen TSE-Forschungsförderung
dringend geboten.
In
Deutschland besteht nach dem Infektionsschutzgesetz eine ärztliche Meldepflicht
für humane spongiforme Enzephalopathien (außer familiär-hereditären Formen).
Für die klassische CJK und die neue Variante der CJK wurden als Grundlage für
die Meldung vom RKI Falldefinitionen erarbeitet und veröffentlicht. Zu den in
den vergangenen Jahren registrierten klassischen CJK-Erkrankungsfällen wird in
Kürze im Epidemiologischen Bulletin berichtet.
Zum
Verlauf der Infektion und Erkrankung
Übertragbare
Enzephalopathien der Tiere und des Menschen nehmen nach der Aufnahme einer
ausreichenden Erregermenge über die Nahrung folgenden Verlauf: Der Erreger
gelangt vermutlich über sogenannte M-Zellen aus dem Darm in angrenzendes
lymphoides Gewebe. In der Folge tritt in der Regel (jedoch nicht bei der
BSE-Infektion des Rindes) eine Infektion der Milz und von Lymphknoten auf.
Vermutlich befällt der Erreger zunächst Nervengewebe, das diese lymphoiden
Organe versorgt. Alternativ oder zusätzlich könnten direkt Nervenbahnen
befallen werden, die in der Mukosa des Darms enden. Die weitere Ausbreitung
durch Aufsteigen über den Nervus splanchnicus und/oder den N. vagus führt in
jedem Fall letztlich zur Infektion des Gehirns mit den für die Krankheit
charakteristischen Veränderungen.
Krankheitsbedingte
Veränderungen im Gehirn: Unabhängig vom eigentlichen Beginn der Infektion bzw.
Erkrankung – bei vCJK wird von einer Infektion über die Nahrung ausgegangen,
bei der klassischen CJK von einer Erkrankung, die im ZNS beginnt – vermehrt
sich der Erreger im Gehirn sehr stark, ohne sofort sichtbare Schäden oder
Symptome zu verursachen. Im Zuge dieser Vermehrung bildet sich in der Regel unlösliches
Amyloid, das überwiegend aus der fehlgefalteten Form des Prion-Proteins
besteht. Dieser Prozess der Akkumulation von unlöslichem, aggregiertem
Prion-Protein wird begleitet von einer Aktivierung von Gliazellen (Gliose), die
durch die Produktion von pro-inflammatorischen Zytokinen und neurotoxischen
Faktoren gekennzeichnet ist. Ob die zunehmende Ablagerung des
Prion-Protein-Amyloids direkt neurotoxisch ist oder die letztlich letale Zerstörung
des neuronalen Gewebes im ZNS (Neurodegeneration) eine Folge der Gliose ist,
konnte bisher nicht eindeutig geklärt werden. Mit der dringend notwendigen
intensiven Erforschung der Vorgänge, die zur Neurodegeneration führen, dürften
sich auch bessere Ansatzpunkte zur Therapie von CJK/vCJK ergeben.
Die
Krankheit ist nicht behandelbar und führt zum Tod des Patienten (in fast allen
Fällen etwa 6 –12 Monate nach Auftreten erster klinischer Symptome, vCJK ist
häufig durch längere Verläufe gekennzeichnet). Bei vCJK ist, je nach
genetischer Disposition des infizierten Individuums und der infektiösen Dosis,
mit unterschiedlichen, teilweise sehr langen Inkubationszeiten von bis zu
mehreren Jahrzehnten zu rechnen. – Bisher zeigen alle vCJK-Patienten einen
bestimmten Genotyp des Prion-Proteins, der bei etwa 40 % der Normalbevölkerung
gefunden wird. Personen mit anderem Genotyp könnten also erst später erkranken
oder Teilresistenzen aufweisen.
Bisherige
Möglichkeiten der Diagnostik
Die
histopathologischen Veränderungen im Gehirn (schwammartige Struktur) sind ein
sehr wichtiges Indiz für das Vorliegen einer TSE. Absolut spezifisch für diese
Erkrankungen ist der Nachweis der aggregierten und Proteinase-K - resistenten
fehlgefalteten Form des Prion-Proteins mittels Immunhistochemie oder Western
Blot. Diese sehr exakten diagnostischen Möglichkeiten sind jedoch erst nach dem
Tode des erkrankten Individuums anwendbar. Ein Verdacht auf CJK bzw. vCJK, auch
zur Unterscheidung von anderen Demenzen, kann jedoch bereits durch die Klinik
der Patienten, durch Liquor-Untersuchungen, durch EEG-Befunde und durch die
Magnetresonanztomographie (MRT) weiter abgeklärt werden. Da sich bei vCJK die
Vermehrung des Erregers im Regelfall – im Gegensatz zur klassischen CJK –
nicht auf das ZNS beschränkt, kann der Nachweis der pathologisch veränderten
Form des Prion-Proteins hier auch in lymphoiden Geweben (z. B .Appendix,
Tonsillen) erfolgen.
Es
gibt bisher keinen einsetzbaren Test, mit dem eine sichere Diagnose am lebenden
Tier oder Menschen während der Inkubationszeit, d. h. vor Eintritt in die äußerlich
erkennbare (klinische) Krankheitsphase gestellt werden kann. Dies erschwert die
Bekämpfung im Tierseuchenfall ungemein, da die Träger des infektiösen Agens
nicht erkannt und ausgesondert werden können. Beim Menschen erschwert das
Fehlen eindeutiger Tests die Klärung epidemiologischer Zusammenhänge und eine
frühzeitige Bestätigung des klinischen Verdachts.
BSE-Schnelltests
und die weitere Entwicklung der TSE-Diagnostik: Durch den Nachweis der
Proteinase-K - resistenten, fehlgefalteten Form des Prion-Proteins im Rinderhirn
kann beim getöteten Tier mittels Western Blot oder ELISA eine schnelle
Untersuchung auf eine BSE-Infektion durchgeführt werden. Im Verdachtsfall müssen
zur Sicherung der Diagnose weitere Untersuchungen (Histopathologie,
Immunhistochemie) folgen. Bisher ist die Sensitivität der Schnelltests nur
geeignet, infizierte Tiere in späten Stadien der Erkrankung zu erfassen. Ende
des Jahres 2000 wurde ein verstärkter Einsatz des BSE-Schnelltests zunächst
bei ausgewählten Schlachtrindern verfügt (bis zum 15.01.01 wurden 112.000
Untersuchungen durchgeführt).
Erst
noch in der Entwicklung befindliche, sensitivere Testverfahren könnten Tiere während
der langen symptomfreien Inkubationszeit in früheren Stadien der Erkrankung
verlässlicher detektieren. Ob und wann sich während der Infektion für die
TSE-Diagnostik ausreichende Erregermengen im Blut befinden, ist noch völlig
unklar. Zur Erfassung von Verdachtsfällen könnte künftig auch die Messung von
noch zu identifizierenden Surrogat-Markern beitragen, die möglicherweise in
Folge der Infektion in Körperflüssigkeiten (z. B. Blut) in erhöhten
Konzentrationen vorliegen.
Neuere
Techniken (z. B. Immuno-PCR, Fluoreszenz-Korrelations-Spektroskopie) könnten
die Sensitivität der Tests erheblich verbessern. Kürzlich wurden körpereigene
Proteine beschrieben, die anscheinend selektiv die fehlgefaltete,
infektionsassoziierte Form des Prion-Proteins binden können. Auch diese könnten
indirekt wichtige Hilfsmittel zur Verbesserung der TSE-Diagnostik bei Mensch und
Tier werden.
Grundsätze
der Verhütung und Bekämpfung
Im
Rahmen dieses Berichtes wird nur auf einige Grundsätze des Verbraucherschutzes
und diesbezügliche bisherige Erfahrungen im Vereinigten Königreich
eingegangen. Spezielle Maßnahmen zur Prävention und zum Schutz vor BSE und
vCJK werden Gegenstand künftiger Beiträge aus dem Robert Koch-Institut, dem
Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin,
dem Paul-Ehrlich-Institut und dem Bundesinstitut für Arzneimittel und
Medizinprodukte sein.
EU-weite
Maßnahmen zur Bekämpfung von BSE im Jahr 2000: Besonders die in den Jahren
1999/2000 beobachtete starke Zunahme der BSE-Fallzahlen in Frankreich hat in der
EU wieder zu einer Intensivierung der BSE-Diskussion geführt. In der zweiten Hälfte
des Jahres 2000 wurden EU-weit umfassende Maßnahmen beschlossen. Insbesondere
das Verbot der Verfütterung von Tiermehl an jegliche Tierarten ist, wie die
Erfahrungen in GB gezeigt haben, das wirksamste Instrument überhaupt, um
Neuinfektionen mit BSE zu verhindern.
Der
Verbraucherschutz wird durch die Entfernung von spezifiziertem Risikomaterial
bei geschlachteten Rindern (Hirn, Augen, Rückenmark, Darm), Schafen und Ziegen
(zusätzliche Entfernung der Milz) aus der Nahrungskette deutlich verbessert.
– Zur Intensivierung der BSE-Überwachung wurde EU-weit die Einführung von
BSE-Schnelltests zunächst für über 30 Monate alte gefährdete Rinder
beschlossen, dann auf alle Schlachttiere ausgedehnt, die über 30 Monate alt
sind. Nicht getestete über 30 Monate alte Schlachttiere dürfen nicht in die
Nahrungskette gelangen.
Bisherige
Wirkung der Maßnahmen gegen BSE in GB: Durch den frühen Beginn und das Ausmaß
der dortigen BSE-Epidemie stellt GB, im Negativen wie im Positiven, einen
Modellfall für die Bekämpfung dieser Tierseuche dar. Die Maßnahmen zur Bekämpfung
von BSE in GB zeigen deutliche Erfolge, obwohl das wegen der weiterhin hohen
BSE-Gesamtzahlen auf den ersten Blick nicht sofort nachvollziehbar ist. Bereits
das Verbot der Verfütterung von Tiermehlen von 1988 (EU-weit 1994) hat die
BSE-Epidemie in GB stark eingeschränkt, was durch die rückläufigen Fallzahlen
seit 1992/1993 deutlich wird. Die jährlichen Erkrankungsfälle fielen von
36.711 im Jahr 1992 (dem Höhepunkt des Seuchengeschehens) auf 1.241 Fälle im
Jahr 2000. Dennoch war bereits seit 1993 klar, dass diese Maßnahme allein kein
schnelles Ende der BSE-Epidemie bewirken würde, denn schon zu diesem Zeitpunkt
waren 20 % aller an BSE erkrankten Rinder nach dem Verfütterungsverbot von 1988
geboren worden.
Als
mit dem Auftreten der neuen Variante der CJK (vCJK) 1995/1996 deutlich wurde,
dass BSE auch eine Gefährdung des Menschen darstellt, wurden die Maßnahmen
gegen BSE 1996 weiter verschärft. Für den Erfolg dieser Verschärfung, vor
allem des Verbots der Verfütterung von Tierkörpermehlen an jegliche Art von
Tieren, spricht, dass in GB bisher erst ein Tier, das nach dem August 1996
geboren wurde, an BSE erkrankt ist. Es bleibt abzuwarten, ob die sehr positive
Entwicklung in GB anhält. Die Durchführung von BSE-Schnelltests auch in GB
wird zudem für eine bessere Datenbasis zur Abschätzung des weiteren Geschehens
sorgen.
Die
Analyse der bisherigen Ergebnisse der BSE-Bekämpfung in GB insbesondere seit
1996 verdeutlicht auch, dass anderen Übertragungswegen des BSE-Erregers neben
dem Tierfutter, wie z. B. der durchaus möglichen Übertragung von der Mutterkuh
auf das Kalb oder der Übertragung über kontaminierte Böden, eine eher geringe
Bedeutung zukommen dürfte. Dennoch müssen alle Anstrengungen unternommen
werden, um diese möglichen Wege der Verbreitung von BSE weiter aufzuklären und
lückenlos zu unterbinden. Eine direkte Übertragung durch Kontakte von Rind zu
Rind kann praktisch ausgeschlossen werden.
Ansprechpartner
im RKI:
Herr Dr. M. Baier und Herr Dr. D. Simon (TSE: Erreger, Diagnostik, Übertragung),
Frau S. Glasmacher (allgemeine Auskünfte, Presseinformation); Tel.:
01888754-0.
Ansprechpartner
im BgVV:
Herr Dr. W. Mields (Lebensmittelsicherheit und Übertragungswege Tier –
Mensch); Tel.:030412-0.
Quelle: Epidemiologisches Bulletin 4/2001 des RKI