Tollwut
(Ratgeber des RKI aktualisiert: Februar 2005, Erstveröffentlichung im Epidemiologischen Bulletin Oktober 1999)
Präventiv- und Bekämpfungsmaßnahmen

Präventive Maßnahmen

Die bisher erfolgte Immunisierung einer großen Zahl von Haustieren, insbesondere von Hunden, hat bereits zu einer effektiven Einschränkung der Übertragung auf den Menschen geführt. Erst die orale Immunisierung der Füchse hat jedoch zu einer wirkungsvollen Bekämpfung und Ausrottung der Tollwut in weiten Teilen Europas geführt, da durch die Impfung die Infektkette innerhalb des Hauptvirusreservoirs erfolgreich unterbrochen werden kann.

Da eine Erkrankung in der Vergangenheit immer zum Tod geführt hat, müssen präventive Maßnahmen bei potenziell Exponierten besonders wirksam sein und ohne Zeitverzug durchgeführt werden. Die WHO empfiehlt, epidemiologische Hintergrunddaten (Tollwutsituation im betreffenden Gebiet, Impfstatus des Expositionstieres) heranzuziehen, um zu entscheiden, ob eine Behandlung abgebrochen oder weitergeführt werden kann bzw. muss.

Eine Indikation für eine präexpositionelle Immunisierung besteht gegenwärtig noch bei Tierärzten, Jägern, Forstpersonal, Personen bei Umgang mit Wildtieren in Gebieten mit Wildtollwut sowie ähnlichen Risikogruppen (z. B. Personen mit beruflichem oder sonstigem engen Kontakt zu Fledermäusen). Eine präexpositionelle Impfung muss weiterhin bei Personal in Laboratorien mit Tollwutinfektionsrisiko erfolgen. Nach einer kompletten Grundimmunisierung beträgt die Schutzdauer bis zu 5 Jahren. Bei Personen mit weiter bestehendem Expositionsrisiko sollten regelmäßig Auffrischungsimpfungen entsprechend den Angaben der Hersteller durchgeführt werden. Zur Festlegung des exakten Auffrischungszeitpunktes ist eine Titerkontrolle empfehlenswert. Bei Personen, die einem hohen kontinuierlichen Risiko ausgesetzt sind (vor allem berufliche Exposition in Laboratorien mit Tollwutrisiko) wird eine halbjährliche Kontrolle auf neutralisierende Antikörper empfohlen. Eine Auffrischungsimpfung ist bei Titern < 0,5 IE/ml Serum indiziert.

Weiterhin sollte eine Impfung bei Reisenden mit einem entsprechenden Expositionsrisiko (z. B. bei Trekkingtouren) in Regionen mit hoher Tollwutgefährdung (z. B. durch streunende Hunde) durchgeführt werden.
 

Postexpositionelle Immunprophylaxe

Die Maßnahmen der postexpositionellen Tollwutprophylaxe sind dann durchzuführen, wenn der Verdacht auf eine Tollwutvirusinfektion nicht entkräftet werden kann. Bei Grad-III-Expositionen erfolgt die simultane Gabe von Tollwut-Immunglobulin zur passiven Immunisierung und Rabies-Vakzine zur aktiven Immunisierung (s. Tab. 1). Die aktive Immunisierung erfolgt gemäß den Angaben der Hersteller nach verschiedenen Schemata. Ein übliches Schema sind Impfungen an den Tagen 0, 3, 7, 14, 28. Rechtzeitig appliziert, liegt die Schutzrate nach einer aktiven Immunisierung bei peripheren Verletzungen bei 100 %.

Grad der Expo-sition

Art der Exposition

Immunprophylaxe (Beipackzettel beachten)

 

Durch ein tollwut­verdächtiges oder tollwütiges Wild- oder Haustier

durch einen Tollwut-Impfstoffköder

 

I

Berühren / Füttern von Tieren, Belecken der intakten Haut

Berühren von Impfstoffködern bei intakter Haut

keine Impfung

II

Knabbern an der unbedeckten Haut, oberflächliche, nicht blutende Kratzer durch ein Tier, Belecken der nicht intakten Haut

Kontakt mit der Impfflüssigkeit eines beschädigten Impfstoffköders mit nicht intakter Haut

Impfung

III

Jegliche Bissverletzung oder Kratzwunden, Kontamination von Schleimhäuten mit Speichel (z. B. durch Lecken, Spritzer)

Kontamination von Schleimhäuten und frischen Hautverletzungen mit der Impfflüssigkeit eines beschädigten Impfstoffköders

Impfung und einmalig simultan mit der ersten Impfung passive Immunisierung mit Tollwut-Immunglobulin (20 IE / kg Körpergewicht)

Tab. 1: Indikationen für eine postexpositionelle Tollwut-Immunprophylaxe

Die einzelnen Impfungen und die Gabe von Tollwut-Immunglobulin sind sorgfältig zu dokumentieren.

Ein Tier, welches bei einem Menschen eine Verletzung verursacht hat, ist dann nicht ansteckungsverdächtig, wenn es sich ausschließlich in einem tollwutfreien Gebiet aufgehalten hat, regelmäßig gegen Tollwut geimpft wurde oder ein Tierarzt bescheinigen kann, dass klinisch kein Verdacht auf Tollwut besteht. Ob ein Gebiet amtlich frei von Tollwut eingestuft ist, kann durch umgehende Nachfrage beim örtlichen Veterinäramt in Erfahrung gebracht werden. Ist eine Exposition durch ein ansteckungsverdächtiges, aber bekanntes Tier erfolgt, sollte dieses zur Beobachtung 10 Tage isoliert werden und parallel dazu die Impfung begonnen werden. Ein infiziertes Tier entwickelt in dieser Zeit typische Tollwutsymptome. Sollten keine Symptome auftreten, können weitere Impfungen bei der exponierten Person eingestellt werden. Allerdings gilt diese „10-Tage-Regel“ nur für eine Exposition durch Hunde und Katzen. Bei anderen Spezies können die Zeiträume bis zum Ausbruch von Tollwutsymptomen wesentlich länger sein. Bei einer Verletzung durch ein ansteckungsverdächtiges Tier ist in Anbetracht des tödlichen Ausgangs dieser Krankheit grundsätzlich so schnell wie möglich nach der Verletzung eine Postexpositionsprophylaxe (s. Tab. 1) durchzuführen. Eine indizierte Postexpositionsprophylaxe sollte aber immer durchgeführt werden, unabhängig von der Zeit, die seit der Verletzung verstrichen ist.

 
Maßnahmen für Patienten und Kontaktpersonen

Besteht ein Verdacht auf Kontakt mit tollwütigen oder tollwutverdächtigen Tieren, ist umgehend das Gesundheitsamt zu verständigen. Der Verdacht auf eine Tollwuterkrankung beim Menschen erfordert eine sofortige stationäre Einweisung und Betreuung des Patienten unter intensivmedizinischen Bedingungen. Kontaktpersonen mit Wunden, bei denen der Verdacht einer Kontamination mit dem Speichel von erkrankten Personen bestand, sollten umgehend immunisiert werden.


Maßnahmen bei Ausbrüchen

Deutschland ist gegenwärtig nahezu frei von Tollwut bei Wild- und Haustieren, so dass die Gefahr von Ausbrüchen momentan nur sehr gering ist. Es sollte jedoch beachtet werden, dass Expositionen von Menschen mit potenziell Tollwut-positiven Fledermäusen zwar Einzelereignisse darstellen, aber auch in Deutschland vorkommen und dann unmittelbare Schutzmaßnahmen erfordern. Ein Tollwutausbruch hat Kontroll- und Bekämpfungsmaßnahmen der Veterinärbehörden zur Folge.

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