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Detailinformation
zu Pocken und
Pockenschutz |
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© Prof. Dr. R. Thomssen, Göttingen, |
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Die
Impfung mit dem vermehrungsfähigen Vacciniavirus setzt eine Infektion, die sich
in den meisten Fällen lediglich in der örtlichen Impfreaktion manifestiert
(s.o.), jedoch nicht immer darauf beschränkt bleibt. Man sollte zwischen relativ
harmlosen atypischen Impfverläufen und Impfkomplikationen
unterscheiden.
Atypische Impfverläufe:
Bei einigen Impflingen kommt es zu einer besonders
starken Impfreaktion, die aber letztlich harmlos ist , man sprach früher von
„Impfanomalie“: Reaktionslose Impfung; verzögerte Reaktion; Impfulcus,
Impfkeloid, Nebenpocken, Vaccinia
serpiginosa, Area bullosa und Area migrans.
Impfkomplikationen:
Bei
anderen kommt es zu einer mehr oder weniger schweren klinischen Manifestation
der Impfinfektion, zu einem „Impfschaden“. Die Zahl der Impfschäden ist jedoch
gering. So zählte man in Bayern 1960 - 1962 188 gemeldete Impfschäden auf 475
172 Impfungen, das sind 3,96 Fälle auf 10 000 Impfungen. Im Einzelnen:
Postvaccinale Enzephalitis (36); Fieberkrämpfe ( 23), Vaccinia generalisata (8);
Vaccinia sekundaria (9); Eccema vaccinatum (1); Vaccinia inoculata (1);
postvaccinale multiforme Exantheme (3);starke Lokalreaktion (14);
Sekundärinfektion der Impfstelle (4); sekundäre Allgemeininfektion (Pneumonien,
Durchfallserkrankungen) (42); interkurrente katarrh. Infekte (26);
Verschlimmerung eines latenten Hirnschadens (15); unklare Todesursachen (6).
Lebensbedrohlich sind darunter vor allem die postvaccinale Enzephalitis
(36 ) und die Vaccinia generalisata (8) Rechnet man die Aktivierung
latenter Hirnschäden (15) und die 6 unklaren Todesfälle hinzu, so ergeben
sich 65 schwere Erkrankungen zum Teil mit Todesfolge, das sind 65 auf 475172
Impfungen, mithin 1,37 Fälle auf 10 000 Impfungen. Im
einzelnen beobachtete man
Komplikationen an der Impfstelle und auf der Haut:
Vaccinia
serpiginosa, Area migrans, Impfnekrosen, Area bullosa, Vaccinia secundaria,
Vaccinia generalisata, Ekzema vaccinatum, Vaccinia progressiva „Verschwärung“),
Erytheme, urticarielle, morbillliforme, rubeoläre, scarlatiniforme Exantheme,
sekundäre bakterielle Infektionen (postvaccinales Erysipel, Impetigo contagiosa,
Lymphadenitis suppurativa), Narbenkeloid, pyogene Infektionen, Erythema
multiforme bullosa (Stevens-Johnson Syndrom).
Komplikationen am Auge:
Vaccinia palpebralis, Vaccinia conjunctivalis, vaccinale Erkrankung der Cornea und des Innenauges.
Komplikationen an inneren
Organen:
Angina, Pneumonie, Myokarditis, Nephritis und Nephrose, Osteomyelitis, Embryopathie-Fetopathie.
Ungünstige Beeinflussung von anderen Infektionen:
Varizellen; Masern, Scharlach, Exanthema subitum, Diphtherie.
Dermatosen als indirekte Impffolgen:
Überempfindlichkeit, Dermatitis, Erythema nodosum, Erythema exsudativum
multiforme, Dermatitis exfoliativa, Urticaria, recurrierender Herpes simplex,,
Pemphigus vulgaris, Lupus erythematodes, Purpura (Hautblutungen).
Erkrankungen der Blutgefäße:
Leukosen?
Aktivierung von Organerkrankungen:
Dyspepsie, rheumatische Erkrankungen, Diabetes mellitus, Diabetes insipidus,
Tuberkulose, Otitis media , Krämpfe post vaccinationem, niedrige Resistenz bei
mongoloiden Kinder, Toxoplasmoseaktivierung, Pertussis post vaccinationem.
Kontaktinfektionen nach Impfungen:
27/ 1 Million; 44% der 27 bei Kindern < 5 Jahren.
Die wichtigste Komplikation, die die Pockenschutzimpfung in Verruf gebracht hat, ist die postvaccinale Enzephalitis.
Ihre Häufigkeiten werden unterschiedlich angegeben:
Tabelle 1: Postvaccinale Encephalitis in den USA (MMWR 22. Juni 2001; RR-10):
| Erstimpfling |
Wiederholungsimpfling |
|
| Fälle auf 1 Million Impflinge | ||
| Generalisierte Vaccinia | 241,5 | 42,1 |
| Eczema vaccinatum | 38,5 | 9,0 |
| Progreßive Vaccina | 1,5 | 3,0 |
| Postvaccinale Enzephalitis | 12,3 | 2,0 |
Tabelle 2: Postvaccinale Enzephalitis in der alten BRD (Herrlich et al.1965)
| Jahr | Dem BGA gemeldete Fälle von Impfenzephalitis |
| 1953 | 33 |
| 1954 | 54 |
| 1955 | 56 |
| 1956 | 47 |
| 1957 | 46 |
| 1958 | 49 |
| 1959 | 44 |
| 1960 | 49 |
| 1961 | 52 |
| 1962 | 42 |
| Summe | 472 |
Tabelle 3: Postvaccinale Enzephalitis in Bayern bei Erstimpflingen (Herrlich
et al.:1965)
| Jahr | Impflinge | p. v. E. | Tote |
| 1953 | 134532 | 30 | 12 |
| 1954 | 130909 | 13 | 7 |
| 1955 | 134852 | 14 | 3 |
| 1956 | 134888 | 14 | 3 |
| 1957 | 136654 | 17 | 10 |
| 1958 | 149881 | 29 | 13 |
| 1959 | 149944 | 29 | 14 |
| 1960 | 158482 | 14 | |
| 1961 | 155162 | 9 | |
| 1962 | 161528 | 13 | |
| Total | 1446832 | 182 | 63 |
| 1000000 | 126 | 44 | |
Wiederimpfung: 1 Fall auf 1,5 Millionen Wiederimpfungen
Problem der Erstimpfung älterer Kinder und Erwachsener:
Genaue Erhebungen des früheren Bundesgesundheitsamtes haben ergeben, daß das Risiko der postvaccinalen Enzephalitis bei älteren Erstimpflingen, Kindern >3.Geburtstag) und Erwachsenen erhöht ist, wenngleich genaue Zahlenangaben nicht möglich sind. Deshalb Dauerrückstellung ab >3 Jahre bei Routineprophylaxe. Im Grunde ist die Altersdisposition für die postvaccinale Encephalitis jedoch umstritten.
Eine Vorimpfung, ob mit Lebendimpfstoff, Totimpfstoff oder durch eine Simultanimpfung mit Vaccinia- Immunglobulin (s.o.) sollte damals dem Zwecke dienen, die Häufigkeit der postvaccinalen Enzephalitis zu senken.
a. Totvaccine (Vaccinia-Antigen, Herrlich et al. 1959): Eine subcutane Injektion 1 - 4 Wochen vor der Dermovaccine. Im September 1963 wurden bei 91000 vorgeimpften Erstimpflingen nur 2 Fälle einer ausheilenden postvaccinalen Enzephalitis beobachtet, dazu ein Fall einer Polyneuritis. Leider fehlt bei dieser Retrospektive eine Placebogruppe. Derzeit bestand eine Häufigkeit der postvaccinalen Enzephalitis bei überalterten Erstimpflingen von 1: 2000 bis 1: 3000.
b. Lebendvaccine (M.V.A.- Impfstoff, ein hoch attenuiertes Vacciniavirus (s.o.); geringe Dosis intracutan appliziert, Stickl et al. 1971). Hohe Verträglichkeit bei Applikation an Ekzemkindern. Keine Wirksamkeitsstudie mit Placebogruppe in Bezug auf Vermeidung von Impfkomplikationen nach anschließender Gabe von Dermovaccine zur Hauptimpfung, jedoch vielfach Beobachtung, daß regelmäßig die Impfreaktion nach der später (1 - 4 Wochen) gegebenen Dermovaccine den Typus einer Wiederimpfungsreaktion als Ausdruck einer partiellen Immunisierung (s.u.) annimmt.
c. Daneben wurde bei älteren Erstimpflingen eine kombinierte aktiv- passive Impfung mit Vacciniavirus und humanem Vaccinia-Immmunglobulin (VGG) durchgeführt. Man hatte an holländischen Rekruten (Nanning et al. 1962) zeigen können, daß die Zahl der postvaccinalen Enzephalitis gegenüber nur aktiv geimpften Rekruten durch die Simultanimpfung gesenkt werden konnte (Gruppe 1:. 53 639 mit Simultanimpfung: Vacciniavirus + VGG; Gruppe 2: 53 034 mit Vacciniavirus + Placebo geimpfte Rekruten). In Gruppe 1: 3 Erkrankungen, in Gruppe 2: 11 Erkrankungen; in jeder Gruppe 1 Todesfall. Später weitere 112 000 simultan geimpfte Soldaten mit 5 Erkrankungen. Da die Homogenität der Gruppen in Bezug auf Zahl der Erst- und Wiederimpflinge schwer nachprüfbar war, wurde die Brauchbarkeit der Ergebnisse angezweifelt, jedoch scheinen sie mir wegen der großen Zahl der Probanden schlüssig zu sein.
Zieht man in Betracht, dass das auf seine prophylaktischen Wirkung geprüfte VGG z.Zt. nicht zur Verfügung steht, bei den beiden anderen Präparaten (vorhanden oder leicht herstellbar) demgegenüber keine verläßliche Wirksamkeitsprüfung vorliegt, muß klar sein, dass jede künftige Pockenschutzimpfung, ob mit oder ohne Vorimpfung durchgeführt, wie zuvor durch die genannten Nebenwirkungen belastet ist.
Man sollte von vornherein jede Impfung registrieren, ob mit oder ohne Vorimpfung, ferner die in beiden Gruppen ev. auftretenden Nebenwirkungen nach der Hauptimpfung, um damit die Wirksamkeit der Nebenwirkungen ev. vorbeugenden prophylaktischen Maßnahme wenigstens halbwegs überprüfen zu können, auch wenn man wohl auf Placebogruppen verzichten muß.
Auf grund der Ergebnisse der Grundlagenforschung über den M.V.A.- Stamm würde ich - mit allem Vorbehalt wegen einer fehlenden kontrollierten Studie- der Vorimpfung mit dem M.V.A - Stamm den Vorzug geben.
Die Behandlung von Impfkomplikationen kann bislang nur symptomatisch erfolgen (siehe Behandlung der Pocken). VGG ist angezeigt bei schweren Fällen von Ekzema vaccinatum, ev. bei Vacinia generalisata und bei progressiver Vaccinia ( Vaccinia necrosum), ist nicht indiziert bei postvaccinaler Enzephalitis und ist kontraindiziert bei Vacciniakeratitis. Eingetretene oder vermutete Impfschäden sind zu melden!