Detailinformation zu Pocken und Pockenschutz
Schutzimpfungen
 Impfschäden

© Prof. Dr. R. Thomssen, Göttingen,
im Auftrage der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten e.V. und der Gesellschaft für Virologie e.V. Stand 7.02.2003

 

Die Impfung mit dem vermehrungsfähigen Vacciniavirus setzt eine Infektion, die sich  in den meisten Fällen lediglich in der örtlichen Impfreaktion manifestiert (s.o.), jedoch nicht immer darauf beschränkt bleibt. Man sollte zwischen relativ harmlosen atypischen Impfverläufen und  Impfkomplikationen unterscheiden.
 

Atypische Impfverläufe:

Bei einigen Impflingen kommt es zu einer  besonders starken Impfreaktion, die aber letztlich harmlos ist , man sprach früher von „Impfanomalie“: Reaktionslose Impfung; verzögerte Reaktion; Impfulcus, Impfkeloid, Nebenpocken, Vaccinia serpiginosa, Area bullosa und Area migrans.
 

Impfkomplikationen:

Bei anderen kommt es zu einer mehr oder weniger schweren klinischen  Manifestation der Impfinfektion, zu einem „Impfschaden“. Die Zahl der Impfschäden ist jedoch gering. So zählte man in Bayern  1960 - 1962  188 gemeldete Impfschäden auf 475 172 Impfungen, das sind  3,96  Fälle auf  10 000 Impfungen. Im Einzelnen: Postvaccinale Enzephalitis (36); Fieberkrämpfe ( 23), Vaccinia generalisata (8); Vaccinia sekundaria (9); Eccema vaccinatum (1); Vaccinia inoculata (1); postvaccinale multiforme Exantheme (3);starke Lokalreaktion (14); Sekundärinfektion der Impfstelle (4); sekundäre Allgemeininfektion (Pneumonien, Durchfallserkrankungen) (42); interkurrente katarrh. Infekte (26); Verschlimmerung eines latenten Hirnschadens (15); unklare Todesursachen (6). Lebensbedrohlich sind darunter vor allem die postvaccinale Enzephalitis (36 ) und die Vaccinia generalisata  (8) Rechnet man die Aktivierung latenter Hirnschäden (15) und die 6 unklaren Todesfälle hinzu, so ergeben sich  65 schwere Erkrankungen zum Teil mit Todesfolge, das sind  65 auf  475172 Impfungen, mithin 1,37 Fälle auf 10 000 Impfungen. Im einzelnen beobachtete man
 

Komplikationen an der Impfstelle und auf der Haut:

Vaccinia serpiginosa, Area migrans, Impfnekrosen, Area bullosa,  Vaccinia secundaria, Vaccinia generalisata, Ekzema vaccinatum, Vaccinia progressiva „Verschwärung“), Erytheme, urticarielle, morbillliforme, rubeoläre, scarlatiniforme Exantheme, sekundäre bakterielle Infektionen (postvaccinales Erysipel, Impetigo contagiosa, Lymphadenitis suppurativa), Narbenkeloid,  pyogene Infektionen, Erythema multiforme bullosa (Stevens-Johnson Syndrom).
 

Komplikationen am Auge:

Vaccinia palpebralis, Vaccinia conjunctivalis, vaccinale Erkrankung der Cornea und des Innenauges.


Komplikationen an inneren Organen:

Angina, Pneumonie, Myokarditis, Nephritis und Nephrose, Osteomyelitis, Embryopathie-Fetopathie.


Ungünstige Beeinflussung von anderen Infektionen:

Varizellen; Masern, Scharlach, Exanthema subitum, Diphtherie.


Dermatosen als indirekte Impffolgen:

Überempfindlichkeit, Dermatitis, Erythema nodosum, Erythema exsudativum multiforme, Dermatitis exfoliativa, Urticaria, recurrierender Herpes simplex,, Pemphigus vulgaris, Lupus erythematodes, Purpura (Hautblutungen).
 

Erkrankungen der Blutgefäße:

Leukosen?
 

Aktivierung von Organerkrankungen:

Dyspepsie, rheumatische Erkrankungen, Diabetes mellitus, Diabetes insipidus, Tuberkulose, Otitis media , Krämpfe post vaccinationem, niedrige Resistenz bei mongoloiden Kinder, Toxoplasmoseaktivierung, Pertussis post vaccinationem.
 

Kontaktinfektionen nach Impfungen:

27/ 1 Million; 44% der 27 bei Kindern < 5 Jahren.

Die wichtigste Komplikation, die die Pockenschutzimpfung in Verruf gebracht hat, ist die postvaccinale Enzephalitis.

Ihre Häufigkeiten werden unterschiedlich  angegeben:

Tabelle 1:  Postvaccinale Encephalitis in den USA (MMWR 22. Juni  2001; RR-10):

  Erstimpfling

Wiederholungsimpfling

  Fälle auf 1 Million Impflinge
Generalisierte Vaccinia 241,5 42,1
Eczema vaccinatum 38,5 9,0
Progreßive Vaccina 1,5 3,0
Postvaccinale Enzephalitis 12,3 2,0


Tabelle 2:
Postvaccinale Enzephalitis in der alten BRD (Herrlich et al.1965)

Jahr Dem BGA gemeldete Fälle von Impfenzephalitis
 
1953 33
1954 54
1955 56
1956 47
1957 46
1958 49
1959 44
1960 49
1961 52
1962 42
 
Summe 472


Tabelle 3:
Postvaccinale Enzephalitis in Bayern bei Erstimpflingen (Herrlich et al.:1965)

Jahr Impflinge p. v. E. Tote
 
1953 134532 30 12
1954 130909 13 7
1955 134852 14 3
1956 134888 14 3
1957 136654 17 10
1958 149881 29 13
1959 149944 29 14
1960 158482 14  
1961 155162 9  
1962 161528 13  
       
Total 1446832 182 63
  1000000 126 44


Wiederimpfung:     1 Fall auf 1,5 Millionen Wiederimpfungen
 

Problem der Erstimpfung älterer Kinder und Erwachsener:

Genaue Erhebungen des früheren Bundesgesundheitsamtes haben ergeben, daß das Risiko der postvaccinalen Enzephalitis bei älteren Erstimpflingen, Kindern >3.Geburtstag) und Erwachsenen  erhöht ist, wenngleich genaue Zahlenangaben nicht möglich sind.  Deshalb Dauerrückstellung ab >3 Jahre bei Routineprophylaxe. Im Grunde ist die Altersdisposition für die postvaccinale Encephalitis jedoch umstritten.

Eine Vorimpfung, ob mit Lebendimpfstoff, Totimpfstoff oder durch eine Simultanimpfung mit Vaccinia- Immunglobulin (s.o.) sollte damals dem Zwecke dienen, die  Häufigkeit der postvaccinalen Enzephalitis zu senken.

a.   Totvaccine (Vaccinia-Antigen, Herrlich et al.  1959): Eine subcutane Injektion  1 - 4 Wochen vor der Dermovaccine. Im September 1963  wurden bei  91000  vorgeimpften  Erstimpflingen nur 2 Fälle einer ausheilenden postvaccinalen Enzephalitis beobachtet, dazu ein Fall einer Polyneuritis. Leider fehlt bei dieser Retrospektive eine Placebogruppe. Derzeit bestand eine Häufigkeit der postvaccinalen Enzephalitis bei überalterten Erstimpflingen von 1: 2000 bis 1: 3000.

 

b.   Lebendvaccine (M.V.A.- Impfstoff, ein hoch attenuiertes Vacciniavirus (s.o.); geringe Dosis intracutan appliziert, Stickl et al. 1971). Hohe Verträglichkeit bei Applikation an Ekzemkindern. Keine Wirksamkeitsstudie  mit Placebogruppe in Bezug auf Vermeidung von Impfkomplikationen nach anschließender Gabe von Dermovaccine zur Hauptimpfung, jedoch vielfach  Beobachtung, daß regelmäßig die Impfreaktion nach der später (1 - 4 Wochen) gegebenen Dermovaccine den Typus einer Wiederimpfungsreaktion als Ausdruck einer partiellen Immunisierung (s.u.) annimmt.

 

c.   Daneben wurde bei älteren Erstimpflingen eine kombinierte aktiv- passive Impfung mit Vacciniavirus und humanem Vaccinia-Immmunglobulin (VGG) durchgeführt. Man hatte an holländischen Rekruten (Nanning et al. 1962) zeigen können, daß die Zahl der postvaccinalen Enzephalitis gegenüber nur aktiv geimpften Rekruten durch die Simultanimpfung gesenkt werden konnte (Gruppe 1:. 53 639 mit Simultanimpfung: Vacciniavirus + VGG; Gruppe 2: 53 034 mit Vacciniavirus + Placebo   geimpfte Rekruten).  In Gruppe 1: 3 Erkrankungen, in Gruppe 2: 11 Erkrankungen; in jeder Gruppe 1 Todesfall. Später weitere 112 000  simultan geimpfte Soldaten mit 5 Erkrankungen. Da die Homogenität der Gruppen in Bezug auf Zahl der Erst- und Wiederimpflinge schwer nachprüfbar war, wurde die Brauchbarkeit der Ergebnisse angezweifelt, jedoch  scheinen sie mir wegen der großen Zahl der Probanden schlüssig zu sein.

Zieht man in Betracht, dass das auf seine prophylaktischen Wirkung geprüfte VGG z.Zt. nicht  zur Verfügung steht, bei den beiden anderen Präparaten (vorhanden oder leicht herstellbar)  demgegenüber keine verläßliche Wirksamkeitsprüfung vorliegt, muß klar sein, dass  jede künftige Pockenschutzimpfung, ob mit oder ohne Vorimpfung durchgeführt, wie zuvor durch die genannten Nebenwirkungen belastet ist.

Man sollte von vornherein jede Impfung registrieren, ob mit oder ohne Vorimpfung, ferner die in beiden Gruppen ev. auftretenden Nebenwirkungen nach der Hauptimpfung, um damit die Wirksamkeit der Nebenwirkungen ev. vorbeugenden prophylaktischen Maßnahme wenigstens halbwegs überprüfen zu können, auch wenn man wohl auf Placebogruppen verzichten muß.

Auf grund der Ergebnisse der Grundlagenforschung über den M.V.A.- Stamm  würde ich - mit allem Vorbehalt wegen einer fehlenden kontrollierten Studie- der Vorimpfung mit dem M.V.A - Stamm den Vorzug geben.

Die Behandlung von  Impfkomplikationen kann bislang nur symptomatisch erfolgen (siehe Behandlung der Pocken). VGG ist angezeigt  bei schweren Fällen von Ekzema vaccinatum, ev. bei Vacinia generalisata und bei progressiver Vaccinia ( Vaccinia necrosum), ist nicht indiziert bei  postvaccinaler Enzephalitis und ist kontraindiziert bei Vacciniakeratitis. Eingetretene oder vermutete Impfschäden sind zu melden!

 

zurück zum Seitenanfang
 
weiter zum nächsten Kapitel dieses Artikels
zurück zum vorhergehenden Kapitel dieses Artikels
zurück zur Inhaltsübersicht dieses Artikels
zurück zur Übersicht Pocken
zurück zur Übersicht Bioterrorismus
weiter zum Infektionsschutzgesetz
zurück zu Infektionen A - Z