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Pocken |
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Zusammengestellt von Dr. Volker Juds |
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Das Krankheitsbild der Pocken ist bereits 1700 v. Chr. in China und Indien bekannt. 1350 v. Chr. sterben der König der Hethiter und sein Erbe an Pocken, ihr Reich zerfällt. 560 n. Chr. tauchen die Pocken in Europa auf. 1520 n. Chr. werden sie durch die spanischen Eroberer in Amerika eingeschleppt und rotten die dortigen nicht-immunisierten Indianerstämme fast aus. So sterben allein in Mexiko 3 Millionen, etwa die Hälfte der einheimischen Bevölkerung. Mitte des 18. Jahrhunderts werden Pockenviren sogar als Biowaffe eingesetzt: Während der Indianerkriege in Nordamerika verteilen britische Truppen Bettdecken von Pockenkranken an Indianer und lösen dadurch verheerende Epidemien mit ebenfalls 50 % Todesfolge aus. Dieses Szenario droht also einer Bevölkerung ohne Impfschutz, wenn es nicht gelingt, etwaige Pockenkranke wirksam zu isolieren, bis sie nicht mehr ansteckend sind (als Aerosol ausgebrachte Pockenviren halten sich wahrscheinlich nur längstens zwei Tage in der Umwelt). Friedrich August I. (der Starke) wird nur deshalb 1694 Kurfürst von Sachsen, weil sein älterer Bruder an Pocken verstorben ist. Der französische König Ludwig XV. (1710 – 1774; bekannt durch seine Mätressen Marquise de Pompadour und Gräfin Dubarry) erkrankt trotz (Variolations-) Impfnarbe. Auch die österreichische Kaiserin Maria Theresia erkrankt 1768 in ihrem 50. Lebensjahr (ebenso wie schon 1755 der 6-jährige Johann Wolfgang Goethe, der sogar drei Geschwister durch Pocken verliert). Die tragischen Auswirkungen der Blattern auf die Schönheit der Frauen kann man am Beispiel der Camila Perichole in Thornton Wilders "Die Brücke von San Luis Rey" nachlesen. Noch schlimmer trifft es den letzten altbayerischen Wittelsbacher, Kurfürst Maximilian III. Joseph (Nymphenburger Porzellan und Cuvillé-Theater, hatte leider keine freie Stelle für Mozart), der 1777 im Alter von 50 Jahren an Pocken stirbt.
Im 18. Jh. waren die „Kinsblattern“ praktisch eine Kinderkrankheit. Immer wenn genügend ansteckungsfähige Kinder nachgewachsen waren, kam es alle 4 bis 7 Jahre zu einem Seuchenzug. Die Letaliät (Tödlichkeit) der Krankheit wechselte zwischen 8 und 30 % und lag im Mittel bei 10 %. Wer sie (oft durch Narben entstellt und bei Hornhautbefall auch erblindet, sowie mit bleibenden Hirnschäden) überlebte, besaß für Jahrzehnte einen Schutz gegen eine Neuerkrankung. Man schätzt, dass etwa zwei Drittel der Menschen im Lauf ihres Lebens die Pocken durchmachen mussten.
Nach Einführung der Vakzination (Kuhpockenimpfung) durch Jenner 1796 führte Bayern als erster deutscher Flächenstaat bereits 1807 die Impfpflicht ein und übernahm auch die Kosten, die etwa ein Achtel des damaligen Gesundheitsetats ausmachten. In Deutschland wurden zunächst bestimmte Gruppen wie Schulanfänger, Soldaten, auch Bergarbeiter bevorzugt geimpft. Der Erfolg zeigte sich deutlich beim Militär während des Deutsch-Französischen Krieges 1870/1871, als in Frankreich eine Pockenepidemie herrschte. So starben damals 23.400 ungeimpfte französische, aber nur 459 geimpfte deutsche Soldaten an den Pocken. Allerdings wurde die Epidemie durch französische Kriegsgefangene ins Deutsche Reich eingeschleppt, der allein in Preußen 60.000 Einwohner zum Opfer fielen. 1871 starben im schlecht geimpften Berlin 623, im besser geimpften München dagegen nur 89 je 100.000 Einwohner. Thomssen hat für den großen Ausbruch 1871 bis 1873 aus den bekannten Zahlen der Pockentoten und einer angenommenen mittleren Letalität von 13 % folgende Krankheitszahlen hochgerechnet:
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Jahr |
Pockentote |
auf 100.000 EW |
Erkrankte |
| 1870 |
6.002 |
14,80 |
46.155 |
| 1871 |
84.885 |
207,05 |
652.766 |
| 1872 |
77.226 |
187,31 |
593.868 |
| 1873 |
12.894 |
31,02 |
99.155 |
| 1874 |
3.345 |
7,96 |
25.723 |
| 1875 |
1.548 |
3,64 |
11.904 |
| 1876 |
928 |
2,16 |
7.136 |
| 1877 |
194 |
0,44 |
1.492 |
Laut Richter betrug die Letalität sogar 35 % (160.000 Todesfälle bei 450.000 Erkrankungen), sowie der Anteil an Dauerschäden 20 %. Die Epidemie von 1871 bis 1873 führte zum Erlass des Reichsimpfgesetzes von 1874, welches durch das Gesetz über die Pockenimpfung 1976 abgelöst wurde, das wiederum nach Ausrottung der Pocken 1983 aufgehoben wurde.
Die Zahl der Erkrankten ist im Deutschen Reich erst ab 1896 zuverlässig erfasst worden:
| Jahr | Erkrankungen | Todesfälle | Letalität (%) | ||
| absolut | auf 100.000 EW | absolut | auf 100.000 EW | ||
| 1896 | 92 | 0,17 | 10 | 0,02 | 10,9 |
| 1897 | 45 | 0,08 | 5 | 0,01 | 11,1 |
| 1898 | 129 | 0,24 | 15 | 0,03 | 11,6 |
| 1899 | 346 | 0,63 | 28 | 0,05 | 8,1 |
| 1900 | 392 | 0,70 | 40 | 0,09 | 10,2 |
| 1901 | 375 | 0,66 | 50 | 0,16 | 13,3 |
| 1902 | 114 | 0,20 | 15 | 0,03 | 13,2 |
| 1903 | 172 | 0,29 | 20 | 0,03 | 11,6 |
| 1904 | 189 | 0,32 | 25 | 0,04 | 13,2 |
| 1905 | 212 | 0,35 | 30 | 0,05 | 14,2 |
| 1906 | 256 | 0,42 | 47 | 0,08 | 18,4 |
| 1907 | 345 | 0,56 | 63 | 0,10 | 18,3 |
| 1908 | 434 | 0,69 | 65 | 0,10 | 15,0 |
| 1909 | 247 | 0,39 | 26 | 0,04 | 10,5 |
| 1910 | 236 | 0,37 | 34 | 0,05 | 14,4 |
| 1911 | 288 | 0,44 | 35 | 0,05 | 12,2 |
| 1912 | 340 | 0,51 | 35 | 0,05 | 10,3 |
| 1913 | 90 | 0,13 | 12 | 0,02 | 13,3 |
| 1914 | 188 | 0,20 | 18 | 0,03 | 9,6 |
| 1915 | 187 | 0,27 | 28 | 0,04 | 15,0 |
| 1916 | 685 | 0,98 | 93 | 0,13 | 13,6 |
| 1917 | 3.028 | 4,50 | 456 | 0,68 | 15,1 |
| 1918 | 413 | 0,64 | 58 | 0,09 | 14,0 |
| 1919 | 5.021 | 7,98 | 707 | 1,12 | 14,1 |
| 1920 | 2.115 | 3,47 | 354 | 0,58 | 16,7 |
| 1921 | 689 | 1,12 | 100 | 0,16 | 14,5 |
| 1922 | 215 | 0,35 | 28 | 0,05 | 13,0 |
| 1923 | 17 | 0,03 | 2 | 0,003 | 11,8 |
| 1924 | 16 | 0,03 | 2 | 0,003 | 12,5 |
| 1925 | 23 | 0,04 | 9 | 0,01 | 39,1 |
| 1926 | 7 | 0,01 | 0 | 0 | 0 |
Die Letalität schwankt in diesem Zeitraum von 1896 bis 1925 zwischen 8,1 und 39,1 %. Die höchsten Erkrankungszahlen (mit entsprechenden Todesfällen) finden wir in den Jahren 1916/1917 sowie 1919 bis 1921. Die erste Epidemie erklärt sich durch Rückwanderer aus Wolhynien nach Ostpreußen und von dort nach Schleswig-Holstein sowie durch Ausbrüche in großen Rüstungsbetrieben in Norddeutschland (1. Weltkrieg!). Der deutliche Rückgang 1918 ist auf verstärkte Impfmaßnahmen zurückzuführen, die nach Kriegsende aufgrund des allgemeinen Zusammenbruchs der Verwaltung wie auch die Pockenbekämpfung selbst praktisch zum Erliegen kamen. Zusätzlich kam es anlässlich der Wirren 1920/21 zu einer Einschleppung aus dem pockenverseuchten Südpolen und Galizien.
Von 1947 bis 1972 wurden in der Bundesrepublik Deutschland insgesamt 94 Pockenkranke gezählt mit 10 Todesfällen. Dies entspricht einer durchschnittlichen Letalität (Tödlichkeit) von 10,6 %. Dank der konsequenten Durchimpfung der Bevölkerung hatten die Pocken also ihren Schrecken als Volksseuche verloren.
Bei den letzten Ausbrüchen in Deutschland wurden die Pocken jeweils durch Fernreisende aus Indien eingeschleppt. Beachtenswert ist auch, dass die Übertragung auf andere Kontaktpersonen oft in dem Krankenhaus erfolgte, in das der erste Pockenkranke (Indexpatient) aufgenommen worden war. So steckten sich beim Ausbruch im französischen Vannes 1954/1955 63 der 73 Erkrankten im Krankenhaus an (14 Tote = 19 % Letalität), ebenso 19 von 20 Erkrankten 1958 in Heidelberg. Der damalige Indexpatient, ausgerechnet ein Klinikarzt, hatte nach der Rückkehr aus einem Indienurlaub nur über "Moskitostiche" und Angina (Halsbeschwerden) geklagt. Tatsächlich litt er an Variolois, der milden Form von Pockenerkrankung bei Restimmunität. Selbst nach der Pockenverdachtsdiagnose hielt er sich nicht mehr für infektiös, steckte aber innerhalb weniger Stunden sämtliche Personen der ersten Kontaktwelle über Tröpfcheninfektion an. Betroffen waren ärztliche Kollegen, Stationsschwestern, Sekretärinnen, Patienten und ein Krankenhausbesucher sowie der Pfarrer. Außerdem infizierte sich seine Putzfrau an seiner zuhause (vorsichtshalber auf dem Balkon) gelagerten Wäsche. Es starben zwei Pockenkranke, was einer Letalität von 10 % entspricht. Die ganze Krehl-Klinik wurde unter polizeilich überwachte Quarantäne gestellt, 25.000 Heidelberger geimpft.
Auch aus den vier Pockenfällen in Ansbach 1961 (1 Tote = 25 % Letalität) können wir einige Lehren ziehen: Ein 28-jähriger Mann hatte sich in Indien an Pocken infiziert und zuhause entsprechende Krankheitszeichen entwickelt wie anfangs Fieber und Halsschmerzen, gefolgt vom Ausschlag. Er steckte seine Eltern an, diese wiederum den Krankenhausarzt in der Isolierstation. Während drei Personen wegen früherer Impfungen nur ein abgeschwächtes Krankheitsbild entwickelten („Variolois“), verstarb die Mutter an der schwersten Form, den hämorrhagischen Pocken. Die einschneidendste Bekämpfungsmaßnahme war die Sperrung des kompletten Krankenhauses für Zu- und Abgänge, auch des Personals, für 16 Tage! 14 Personen der Kontaktgruppe I (unmittelbarer Kontakt) wurden in einer provisorischen Quarantänestation (einer Schule neben dem Krankenhaus) abgesondert und beobachtet. 500 Personen der Gruppe II (Kontakt mit Personen der Gruppe I) wurden unter Kontrolle des Gesundheitsamtes gestellt, was sich als sehr schwierig erwies, da diese sich in alle Richtungen zerstreut hatten und somit die jeweils zuständigen Gesundheitsämter verständigt werden mussten. In den eingerichteten drei Impfstellen wurden insgesamt 15.000 von 33.000 Einwohnern geimpft. Wegen der höheren Komplikationsrate bei überalterten Impflingen wurde ggf. eine Vorbehandlung mit Vakzine-Antigen durchgeführt. Impfzwischenfälle oder Impfschäden sind nicht bekannt geworden. Friedhofspersonal und Bestatter wurden erst am Tag ihres Einsatzes geimpft, was zur Folge hatte, dass sie sich weigerten, die Isolierstation zu betreten, und Ärzte und Krankenschwestern als Sargträger aushelfen mussten.
1961 erkrankte in Düsseldorf ein 37-jähriger Liberia-Rückkehrer an Variolois und steckte seinen 5-jährigen Sohn, seine Ehefrau sowie die Stationsschwester der Infektionsstation als auch die der Nachbarstation an, wobei die beiden letzteren verstarben (Letalität 40 %).
1961/62 starben in Lammersdorf 1 von 33 Patienten (Letalität 3 %), 1970 in Meschede 4 von 20 (20 %). Auch hier fand die Ansteckung eines Großteils bzw. aller weiteren Erkrankten im Krankenhaus statt! Die Besonderheit liegt hier darin, dass im ersten Fall 10 Patienten im Krankenhaus Simmerath und zweiten Fall 17 Patienten im Krankenhaus Meschede infiziert wurden, obwohl sie keinen unmittelbaren Kontakt mit einem Pockenkranken hatten. Spätere Rauchversuche untermauerten als wahrscheinlichste Erklärung eine Übertragung der Pockenviren durch die Luft. Bei dem Pockenausbruch in Meschede 1970 wurden insgesamt 303 Personen in 9 Quarantänestationen abgesondert sowie 24.000 Einwohner geimpft, übrigens ohne ernsthaften Impfzwischenfall. Bei allen drei Ausbrüchen erkrankten überwiegend ältere Personen, bei denen der Impfschutz abgesunken war.
Der letzte Pockenfall in Deutschland trat 1972 in Hannover auf, der betroffene jugoslawische Gastarbeiter überlebte. Damals wurden 678 Personen abgesondert und 78.528 geimpft. Es gab keine Zweiterkrankung.
Die letzte Pockenerkrankung in „freier Wildbahn“ wurde 1977 bei einem Somalier festgestellt, so dass die WHO 1980 die Pocken für weltweit ausgerottet erklärte.
Wie gefährlich die Pockenviren sind, zeigt ein Laborunfall in Birmingham, England 1978, als sie über einen Kabelschacht in das darüber gelegene Stockwerk gelangten mit tödlichen Folgen für eine 40-jährige Fotografin. Während die von ihr angesteckte Mutter überlebte, beging der verantwortliche Laborleiter Selbstmord. Angeblich und hoffentlich wurden die Virusstämme in allen Labors der Welt vernichtet bis auf in Atlanta/USA und Moskau/Russland, wo sie ebenfalls hoffentlich sicher unter Verschluss gehalten wurden und werden.
Ausblick: Sollten tatsächlich durch bioterroristische Aktionen Pockenviren räumlich verteilt ausgebracht werden und zu Erkrankungen und damit Ansteckungsfähigkeit führen, ist unverzügliches und entschiedenes Handeln der zuständigen Behörden oberstes Gebot. Hierzu gehören strikte Absonderungsmaßnahmen, Absperrungen, Versammlungsverbote, Unterbindung des Reiseverkehrs, Inkubationsimpfungen (Impfung der Kontaktpersonen), regionale Riegelungsimpfungen sowie allgemeine Massenimpfungen innerhalb von vier bis fünf Tagen, um evtl. bereits Angesteckte vor schweren Krankheitsausbrüchen zu schützen. In Übereinstimmung mit Thomssen sieht der Autor das entscheidende Problem darin, dass heute praktisch die gesamte Bevölkerung über keinen oder keinen sicheren Impfschutz mehr verfügt: so sind die 1- bis 26-Jährigen völlig ohne Impfschutz, die 27- bis 38-Jährigen ohne Wiederimpfung (früher im 12. Lebensjahr erfolgt) und bei allen Älteren mit zwei Impfungen und entsprechenden Impfnarben ist äußerst ungewiss, inwieweit diese nach Jahrzehnten noch über einen ausreichenden Schutz vor der Erkrankung verfügen. Dies ist der gravierende Unterschied zur Vergangenheit, als die Bevölkerung weitgehend durch Impfungen oder durchgemachte Erkrankungen geschützt war. Hinzu kommen die heutige wesentlich größere Bevölkerungsdichte als auch Mobilität, sowohl innerhalb der Städte und Regionen als auch beim Fernreiseverkehr.
Zusammengestellt von Dr. Volker Juds, Gesundheitsamt Garmisch, unter Verwendung umfangreicher Informationen und Tabellen von Herrn Prof. Thomssen, Göttingen. Stand 7.02.2003
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