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Orthopoxviren |
Heute verursachen vor allem Orthopockenviren Infektionen
beim Menschen, wie z. B. die Affenpockenviren
in Afrika1,
die im Jahr 2003 außerdem zu einem Ausbruch in den USA führten. Infizierte
afrikanische Gambische Hamsterratten wurden in die USA importiert, wo sie in
Zoohandlungen Präriehunde ansteckten, welche wiederum das Virus auf deren Käufer
bzw. Tierpfleger übertrugen.2
In Südamerika wurden kürzlich gehäuft humane Infektionen
mit Vaccinia-ähnlichen Viren
nach Kontakt zu Wiederkäuern beobachtet.3
Diese Viren
zirkulierten wahrscheinlich seit Beendigung der Pockenschutzimpfungen vor mehr
als 25 Jahren in einem nicht bekannten natürlichen Reservoir, vermutlich in
Nagetieren.
In Europa
kannte man seit der Einführung der Pockenschutzimpfung
durch Jesty und Jenner die Kuhpockenviren,
welche seit Jahren offensichtlich nicht mehr durch Kühe, sondern vor allem durch
infizierte Katzen auf
den Menschen übertragen werden.4
Dort
verursachen sie eine zumeist selbstlimitierende Infektion, die jedoch in
immunsupprimierten Personen letal verlaufen kann.5
Als
Reservoir der Kuhpockenviren werden asymptomatisch und symptomatisch infizierte
Nagetiere vermutet, an denen sich jagende Katzen anstecken können.
Neben den Pockenviren sind
wildlebende Nagetiere mit einer Reihe anderer Pathogene assoziiert, die aufgrund
ihres zoonotischen Potenzials beim Menschen lebensbedrohende Erkrankungen
verursachen können. Beispielsweise werden auch Hantaviren, das Lassavirus und
das Lymphozytäre Choriomeningitis-Virus durch Nagetiere übertragen.
Da die
Pockenschutzimpfungen mit Vaccinia-Viren zu einer Kreuzimmunität geführt haben,
die auch vor Infektionen mit Affenpockenviren und Kuhpockenviren schützen
konnte, muss nach Einstellung dieser Impfungen von einer steigenden Gefahr durch
zoonotische Pockenvirusinfektion ausgegangen werden.
Die Situation in
Deutschland
Über die Prävalenz von
Orthopockenvirusinfektionen in Deutschland gibt es keine belastbaren Daten,
weder bei Menschen noch im potenziellen Reservoir Nagetier. Die
Pockenpflichtimpfung wurde in der Bundesrepublik Deutschland und in der
Deutschen Demokratischen Republik bis 1980 eingestellt, so dass von einer
Zunahme des Anteils immunologisch naiver Personen in der Bevölkerung auszugehen
ist.
Humane Infektionen mit Affenpockenviren wurden in
Deutschland bislang nicht beobachtet. Dafür steigt
die Anzahl der bestätigten Kuhpockenfälle in Deutschland
in den letzten Jahren offensichtlich an.6
Dies mag an
der genannten schwindenden Immunität liegen, was durch die Beobachtung gestützt
wird, dass die in den letzten Jahren im Konsiliarlaboratorium für Pockenviren
diagnostizierten Kuhpockenfälle ausschließlich bei nicht gegen Pocken geimpften
Personen beobachtet wurden. Inwieweit eine erhöhte Aufmerksamkeit der
behandelnden Ärzte zu diesem Anstieg beigetragen hat, ist unklar. Bei der
überwiegenden Zahl der bekannt gewordenen humanen Kuhpockenfälle erfolgte die
Infektion durch Kontakt zu infizierten Katzen.
Interessanterweise zeigte die Sequenzierung des für phylogenetische Analysen
geeigneten Hämagglutinin-Gens, dass an den einzelnen Infektionsgeschehen in
Deutschland unterschiedliche Kuhpockenvirustypen beteiligt waren, innerhalb
eines Infektionsgeschehens waren die nachgewiesenen Viren jedoch identisch. Dies
unterstreicht die Vermutung der natürlichen
Zirkulation verschiedener Kuhpockenvirusstämme in
Deutschland. Unbekannt ist dabei, ob diese Virusstämme unterschiedlich pathogen
für den Menschen sein können.
Aktuelle Entwicklungen in
Deutschland
In Deutschland nimmt die Anzahl diagnostizierter Fälle von
Kuhpockenviren nicht nur beim Menschen zu. Auch Zoo- und Haustiere, bei denen
Spezies-übergreifende, epidemieartige Ausbrüche beobachtet wurden, scheinen
zunehmend von Kuhpocken betroffen zu sein. Da
Kuhpockenviren ein sehr
breites Wirtsspektrum
besitzen, ist die Anzahl der gefährdeten Spezies groß. Durch engen Kontakt zu
diesen Tieren kann sich der Mensch infizieren, wie kürzlich für eine humane
Infektion durch einen Elefanten gezeigt wurde.7
Neben
der beschriebenen klassischen humanen Infektion durch infizierte Katzen wurden
in den letzten Monaten in Deutschland vier humane Infektionen mit Kuhpockenviren
direkt von als Haustier gehaltenen, sogenannten
„Schmuseratten“ diagnostiziert.
Die Patienten stammten
alle aus derselben Region, kauften die Ratten jedoch in unterschiedlichen
Zootierhandlungen. Alle Ratten waren beim Kauf nicht erkennbar erkrankt,
entwickelten später jedoch Symptome und verstarben bzw. wurden getötet. Die
Sequenzanalyse gibt Hinweise darauf, dass alle Patienten mit demselben Virustyp
infiziert wurden, was den Verdacht eines gemeinsamen Ursprungs der Infektionen
z. B. bei einem Zulieferer der Zootierhandlungen nahe legt; dies konnte jedoch
bislang nicht bestätigt werden.
Die betroffenen Patienten
entwickelten nach engem Kontakt zu den Ratten lokale, Kuhpocken-typische
Läsionen am Körperstamm und im Gesicht. In einem vermutlich durch
Autoinokulation bedingten Fall musste ein Patient nach einer massiven Infektion
des Auges mit Cidofovir behandelt werden.
Da die Kuhpocken nach dem
deutschen Infektionsschutzgesetz (IfSG) nicht meldepflichtig sind und nach der
Eradikation des Variola-Virus vor allem bei den behandelnden Ärzten wenig
Erfahrung bei der Erkennung der normalerweise selbstlimitierenden Kuhpocken bei
Immungesunden besteht, kann die Dunkelziffer nur geschätzt werden.
Ausblick
Die kürzlich beobachteten
Fälle zeigen, dass die direkte Übertragung von Kuhpockenviren durch Ratten auf
den Menschen nicht, wie bisher in der Literatur beschrieben, als seltenes
Ereignis angesehen werden kann. Da die Haltung von Ratten als Haustier sich
offensichtlich einer zunehmend größeren Beliebtheit erfreut, sollte diskutiert
werden, nur Tiere aus nachweislich Orthopockenvirus-freien Zuchten in den Handel
zu bringen. Vergleichbare Empfehlungen gibt es bereits für den Verkauf von
Hamstern bezüglich deren Potenzial, das Lymphozytäre Choriomeningitis-Virus zu
übertragen.
Selbst wenn in der
Mehrzahl der Kuhpockenfälle die Infektion lokal und selbstlimitierend verläuft,
können – wie beobachtet – schwerwiegende Komplikationen bei Infektion des Auges
auftreten. Bei immunsupprimierten Personen kann es sogar zu generalisierten,
tödlich verlaufenden Infektionen kommen.
Die Anzahl der
Immunsupprimierten in der Bevölkerung hat sich seit Einstellung der
Pocken-Schutzimpfung durch Transplantationen, Krebserkrankungen, Allergien und
Infektionskrankheiten wie AIDS vervielfacht. Das Risiko einer Impfung von
Immunsupprimierten und Schwangeren mit Vaccinia-Viren konnte bislang nicht
verlässlich abgeschätzt werden. In der Pocken-Impfära wurden diese Personen von
der Impfung wann immer möglich ausgeschlossen. Eine Infektion mit Kuhpockenviren
sowohl durch Katzen als auch durch „Schmuseratten“ könnte in diesen Personen
ebenfalls zu schwerwiegenden Komplikationen führen und sollte auf jeden Fall
vermieden werden. Die Sicherstellung des Verkaufs von „Schmuseratten“ aus
ausschließlich Orthopockenvirus-freien Zuchten kann das Risiko der Übertragung
solcher Infektionen erheblich verringern.
Spezialdiagnostik und
Beratung:
Konsiliarlaboratorium für
Pockenviren
Institution: Robert Koch-Institut, Nordufer 20, 13353 Berlin
Ansprechpartner: Dr. Andreas Nitsche
Tel.: 030 18 . 754–23 13, Fax: 030 18 .
754–26 05
E-Mail: NitscheA@rki.de
Erreger:
Orthopoxviren, Parapoxviren, Molluscum-contagiosum-Virus,
Yatapoxvirus
Das Konsiliarlaboratorium
für Pockenviren nutzt verschiedene Methoden der Diagnostik zur Identifizierung
von Pockenvirusinfektionen. Neben klassischen virologischen Methoden werden
moderne molekulare Methoden weiter entwickelt, um eine schnelle verlässliche
Erkennung und Typisierung von Pockenviren zu ermöglichen. Weitere ausführliche
Informationen zu den humanen Pocken und zur Impfung gegen Pocken finden sich
unter www.rki.de > Infektionskrankheiten A–Z > Pocken.
Leistungsübersicht
| ● | Beratung zu
Nachweisverfahren; |
| ● |
elektronenmikroskopische, virologische, serologische und
molekularbiologische Identifizierung und Differenzierung von
Pockenviren; |
| ● | Beratung zu
Anforderungen an das Untersuchungsmaterial und Versandbedingungen. |
Einsendung von Material nur nach vorheriger telefonischer Absprache mit dem
Labor.
Literatur:
| 1. | Arita I, Gispen R, Kalter SS, Wah LT, Marennikova SS, Netter R, Tagaya I: Outbreaks of monkeypox and serological surveys in nonhuman primates. Bull World Health Organ 1972; 46: 625–631 |
| 2. |
Centers for Disease Control and Prevention: Multistate outbreak of
monkeypox – Illinois, Indiana, and Wisconsin, 2003. MMWR Morb Mortal
Wkly Rep 2003; 52: 537–540 |
| 3. |
Damaso CR, Esposito JJ, Condit RC, et Moussatche N: An emergent poxvirus
from humans and cattle in Rio de Janeiro State: Cantagalo virus may
derive from Brazilian smallpox vaccine. Virology 2000; 22: 439–449 |
| 4. |
Baxby D, Bennett M, et Getty B: Human cowpox 1969–93: a review based on
54 cases. Br J Dermatol 1994; 131: 598–607 |
| 5. |
Eis-Hubinger AM, Gerritzen A, Schneweis KE, Pfeiff B, Pullmann H, Mayr
A, Czerny CP: Fatal cowpox-like virus infection transmitted by cat.
Lancet
1990; 336: 880 |
| 6. | Robert Koch-Institut: Infektionen mit Kuhpockenviren
in Deutschland – eine Übersicht. Epid Bull 2007; 10: 79–81 |
| 7. |
Kurth A, Wibbelt G, Gerber HP, Petschaelis A, Pauli G, Nitsche A:
Rat-to-Elephant-to-Human Transmission of Cowpox Virus.
Emerg Infect
Dis 2008; 14: 670–671 |
Bericht aus dem Zentrum für Biologische Sicherheit des RKI, erarbeitet von Dr.
Andreas Nitsche gemeinsam mit Dr. Andreas Kurth und Prof. Dr. Georg Pauli.
Ansprechpartner ist
Dr. Nitsche (E-Mail: NitscheA@rki.de). Dank gilt ferner Dr. Christian Becker,
Helios Klinikum Krefeld, Dr. Markus Gross, Amt für Veterinär- und
Lebensmittelüberwachung (Krefeld) sowie Dr. Annette Kuczka, Arbeitsgemeinschaft
Chemisches- und Veterinäruntersuchungsamt Rhein-Ruhr-Wupper, für die Erhebung
und Mitteilung der klinischen Daten sowie die Probeentnahme und Diagnostik vor
Ort.
© Robert Koch - Institut