Orthopoxviren
Infektionen mit Orthopoxviren durch "Schmuseratten"
(Quelle: Epidemiologisches Bulletin des RKI Nr. 37 vom 12. September 2008)

 Gegenwärtige Situation

 Die Familie der Poxviridae umfasst neben dem im vergangenen Jahrhundert eradizierten Variola-Virus eine Vielzahl von Viren mit humanpathogenem Potenzial, wie die Molluscipockenviren, die Parapockenviren und die Orthopockenviren.

Heute verursachen vor allem Orthopockenviren Infektionen beim Menschen, wie z. B. die Affenpockenviren in Afrika1, die im Jahr 2003 außerdem zu einem Ausbruch in den USA führten. Infizierte afrikanische Gambische Hamsterratten wurden in die USA importiert, wo sie in Zoohandlungen Präriehunde ansteckten, welche wiederum das Virus auf deren Käufer bzw. Tierpfleger übertrugen.2 In Südamerika wurden kürzlich gehäuft humane Infektionen mit Vaccinia-ähnlichen Viren nach Kontakt zu Wiederkäuern beobachtet.3 Diese Viren zirkulierten wahrscheinlich seit Beendigung der Pockenschutzimpfungen vor mehr als 25 Jahren in einem nicht bekannten natürlichen Reservoir, vermutlich in Nagetieren.

In Europa kannte man seit der Einführung der Pockenschutzimpfung durch Jesty und Jenner die Kuhpockenviren, welche seit Jahren offensichtlich nicht mehr durch Kühe, sondern vor allem durch infizierte Katzen auf den Menschen übertragen werden.4 Dort verursachen sie eine zumeist selbstlimitierende Infektion, die jedoch in immunsupprimierten Personen letal verlaufen kann.5 Als Reservoir der Kuhpockenviren werden asymptomatisch und symptomatisch infizierte Nagetiere vermutet, an denen sich jagende Katzen anstecken können.

Neben den Pockenviren sind wildlebende Nagetiere mit einer Reihe anderer Pathogene assoziiert, die aufgrund ihres zoonotischen Potenzials beim Menschen lebensbedrohende Erkrankungen verursachen können. Beispielsweise werden auch Hantaviren, das Lassavirus und das Lymphozytäre Choriomeningitis-Virus durch Nagetiere übertragen.

Da die Pockenschutzimpfungen mit Vaccinia-Viren zu einer Kreuzimmunität geführt haben, die auch vor Infektionen mit Affenpockenviren und Kuhpockenviren schützen konnte, muss nach Einstellung dieser Impfungen von einer steigenden Gefahr durch zoonotische Pockenvirusinfektion ausgegangen werden.

Die Situation in Deutschland

Über die Prävalenz von Orthopockenvirusinfektionen in Deutschland gibt es keine belastbaren Daten, weder bei Menschen noch im potenziellen Reservoir Nagetier. Die Pockenpflichtimpfung wurde in der Bundesrepublik Deutschland und in der Deutschen Demokratischen Republik bis 1980 eingestellt, so dass von einer Zunahme des Anteils immunologisch naiver Personen in der Bevölkerung auszugehen ist.

Humane Infektionen mit Affenpockenviren wurden in Deutschland bislang nicht beobachtet. Dafür steigt die Anzahl der bestätigten Kuhpockenfälle in Deutschland in den letzten Jahren offensichtlich an.6 Dies mag an der genannten schwindenden Immunität liegen, was durch die Beobachtung gestützt wird, dass die in den letzten Jahren im Konsiliarlaboratorium für Pockenviren diagnostizierten Kuhpockenfälle ausschließlich bei nicht gegen Pocken geimpften Personen beobachtet wurden. Inwieweit eine erhöhte Aufmerksamkeit der behandelnden Ärzte zu diesem Anstieg beigetragen hat, ist unklar. Bei der überwiegenden Zahl der bekannt gewordenen humanen Kuhpockenfälle erfolgte die Infektion durch Kontakt zu infizierten Katzen.

Interessanterweise zeigte die Sequenzierung des für phylogenetische Analysen geeigneten Hämagglutinin-Gens, dass an den einzelnen Infektionsgeschehen in Deutschland unterschiedliche Kuhpockenvirustypen beteiligt waren, innerhalb eines Infektionsgeschehens waren die nachgewiesenen Viren jedoch identisch. Dies unterstreicht die Vermutung der natürlichen Zirkulation verschiedener Kuhpockenvirusstämme in Deutschland. Unbekannt ist dabei, ob diese Virusstämme unterschiedlich pathogen für den Menschen sein können.

Aktuelle Entwicklungen in Deutschland

In Deutschland nimmt die Anzahl diagnostizierter Fälle von Kuhpockenviren nicht nur beim Menschen zu. Auch Zoo- und Haustiere, bei denen Spezies-übergreifende, epidemieartige Ausbrüche beobachtet wurden, scheinen zunehmend von Kuhpocken betroffen zu sein. Da Kuhpockenviren ein sehr breites Wirtsspektrum besitzen, ist die Anzahl der gefährdeten Spezies groß. Durch engen Kontakt zu diesen Tieren kann sich der Mensch infizieren, wie kürzlich für eine humane Infektion durch einen Elefanten gezeigt wurde.7

Neben der beschriebenen klassischen humanen Infektion durch infizierte Katzen wurden in den letzten Monaten in Deutschland vier humane Infektionen mit Kuhpockenviren direkt von als Haustier gehaltenen, sogenannten „Schmuseratten“ diagnostiziert.

Die Patienten stammten alle aus derselben Region, kauften die Ratten jedoch in unterschiedlichen Zootierhandlungen. Alle Ratten waren beim Kauf nicht erkennbar erkrankt, entwickelten später jedoch Symptome und verstarben bzw. wurden getötet. Die Sequenzanalyse gibt Hinweise darauf, dass alle Patienten mit demselben Virustyp infiziert wurden, was den Verdacht eines gemeinsamen Ursprungs der Infektionen z. B. bei einem Zulieferer der Zootierhandlungen nahe legt; dies konnte jedoch bislang nicht bestätigt werden.

Die betroffenen Patienten entwickelten nach engem Kontakt zu den Ratten lokale, Kuhpocken-typische Läsionen am Körperstamm und im Gesicht. In einem vermutlich durch Autoinokulation bedingten Fall musste ein Patient nach einer massiven Infektion des Auges mit Cidofovir behandelt werden.

Da die Kuhpocken nach dem deutschen Infektionsschutzgesetz (IfSG) nicht meldepflichtig sind und nach der Eradikation des Variola-Virus vor allem bei den behandelnden Ärzten wenig Erfahrung bei der Erkennung der normalerweise selbstlimitierenden Kuhpocken bei Immungesunden besteht, kann die Dunkelziffer nur geschätzt werden.

Ausblick

Die kürzlich beobachteten Fälle zeigen, dass die direkte Übertragung von Kuhpockenviren durch Ratten auf den Menschen nicht, wie bisher in der Literatur beschrieben, als seltenes Ereignis angesehen werden kann. Da die Haltung von Ratten als Haustier sich offensichtlich einer zunehmend größeren Beliebtheit erfreut, sollte diskutiert werden, nur Tiere aus nachweislich Orthopockenvirus-freien Zuchten in den Handel zu bringen. Vergleichbare Empfehlungen gibt es bereits für den Verkauf von Hamstern bezüglich deren Potenzial, das Lymphozytäre Choriomeningitis-Virus zu übertragen.

Selbst wenn in der Mehrzahl der Kuhpockenfälle die Infektion lokal und selbstlimitierend verläuft, können – wie beobachtet – schwerwiegende Komplikationen bei Infektion des Auges auftreten. Bei immunsupprimierten Personen kann es sogar zu generalisierten, tödlich verlaufenden Infektionen kommen.

Die Anzahl der Immunsupprimierten in der Bevölkerung hat sich seit Einstellung der Pocken-Schutzimpfung durch Transplantationen, Krebserkrankungen, Allergien und Infektionskrankheiten wie AIDS vervielfacht. Das Risiko einer Impfung von Immunsupprimierten und Schwangeren mit Vaccinia-Viren konnte bislang nicht verlässlich abgeschätzt werden. In der Pocken-Impfära wurden diese Personen von der Impfung wann immer möglich ausgeschlossen. Eine Infektion mit Kuhpockenviren sowohl durch Katzen als auch durch „Schmuseratten“ könnte in diesen Personen ebenfalls zu schwerwiegenden Komplikationen führen und sollte auf jeden Fall vermieden werden. Die Sicherstellung des Verkaufs von „Schmuseratten“ aus ausschließlich Orthopockenvirus-freien Zuchten kann das Risiko der Übertragung solcher Infektionen erheblich verringern.

Spezialdiagnostik und Beratung:

Konsiliarlaboratorium für Pockenviren
Institution: Robert Koch-Institut, Nordufer 20, 13353 Berlin
Ansprechpartner: Dr. Andreas Nitsche
Tel.: 030 18 . 754–23 13, Fax: 030 18 . 754–26 05
E-Mail: NitscheA@rki.de

Erreger: Orthopoxviren, Parapoxviren, Molluscum-contagiosum-Virus, Yatapoxvirus

Das Konsiliarlaboratorium für Pockenviren nutzt verschiedene Methoden der Diagnostik zur Identifizierung von Pockenvirusinfektionen. Neben klassischen virologischen Methoden werden moderne molekulare Methoden weiter entwickelt, um eine schnelle verlässliche Erkennung und Typisierung von Pockenviren zu ermöglichen. Weitere ausführliche Informationen zu den humanen Pocken und zur Impfung gegen Pocken finden sich unter www.rki.de > Infektionskrankheiten A–Z > Pocken.

Leistungsübersicht

Beratung zu Nachweisverfahren;
elektronenmikroskopische, virologische, serologische und molekularbiologische Identifizierung und Differenzierung von Pockenviren;
Beratung zu Anforderungen an das Untersuchungsmaterial und Versandbedingungen.

Einsendung von Material nur nach vorheriger telefonischer Absprache mit dem Labor.

Literatur:

1. Arita I, Gispen R, Kalter SS, Wah LT, Marennikova SS, Netter R, Tagaya I: Outbreaks of monkeypox and serological surveys in nonhuman primates. Bull World Health Organ 1972; 46: 625–631
2. Centers for Disease Control and Prevention: Multistate outbreak of monkeypox – Illinois, Indiana, and Wisconsin, 2003. MMWR Morb Mortal Wkly Rep 2003; 52: 537–540
3. Damaso CR, Esposito JJ, Condit RC, et Moussatche N: An emergent poxvirus from humans and cattle in Rio de Janeiro State: Cantagalo virus may derive from Brazilian smallpox vaccine. Virology 2000; 22: 439–449
4. Baxby D, Bennett M, et Getty B: Human cowpox 1969–93: a review based on 54 cases. Br J Dermatol 1994; 131: 598–607
5. Eis-Hubinger AM, Gerritzen A, Schneweis KE, Pfeiff B, Pullmann H, Mayr A, Czerny CP: Fatal cowpox-like virus infection transmitted by cat. Lancet 1990; 336: 880
6. Robert Koch-Institut: Infektionen mit Kuhpockenviren in Deutschland – eine Übersicht. Epid Bull 2007; 10: 79–81
7. Kurth A, Wibbelt G, Gerber HP, Petschaelis A, Pauli G, Nitsche A: Rat-to-Elephant-to-Human Transmission of Cowpox Virus. Emerg Infect Dis 2008; 14: 670–671

Bericht aus dem Zentrum für Biologische Sicherheit des RKI, erarbeitet von Dr. Andreas Nitsche gemeinsam mit Dr. Andreas Kurth und Prof. Dr. Georg Pauli. Ansprechpartner ist Dr. Nitsche (E-Mail: NitscheA@rki.de). Dank gilt ferner Dr. Christian Becker, Helios Klinikum Krefeld, Dr. Markus Gross, Amt für Veterinär- und Lebensmittelüberwachung (Krefeld) sowie Dr. Annette Kuczka, Arbeitsgemeinschaft Chemisches- und Veterinäruntersuchungsamt Rhein-Ruhr-Wupper, für die Erhebung und Mitteilung der klinischen Daten sowie die Probeentnahme und Diagnostik vor Ort.

Quelle: Epidemiologisches Bulletin des RKI Nr. 37 vom 12. September 2008

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