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Parvovirus B19
Infektionen |
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Der Erreger der Ringelröteln kann auch ernsthaftere Erkrankungen auslösen
Parvoviren sind kleine Einzelstrang-DNS-Viren ohne Lipidhülle. Bei Tieren weitverbreitet, können sie dort eine Reihe von Erkrankungen auslösen. Tierische Parvoviren werden aber normalerweise nicht auf den Menschen übertragen. Das erste humanpathogene Parvovirus ist Parvovirus B 19, welches 1975 erstmals beschrieben wurde und zufällig im Blut eines ansonsten gesunden Blutspenders entdeckt wurde.
Serologische Untersuchungen zeigten, daß die Infektion meist im Kindes- und Jugendalter erfolgt und überwiegend aerogen übertragen wird. Die außerordentlich hohe Durchseuchung von Hämophilen deutet jedoch auf auch die Möglichkeit einer Übertragung durch Blut und Blutprodukte hin. Das Fehlen einer Lipidhülle macht das Virus unempfindlich gegen das Solvent-Detergent-Inaktivierungsverfahren und es ist zudem so hitzebeständig, daß auch das für Blutprodukte verwendete Hitze-Inaktivierungsverfahren zur Inaktivierung von Parvovirus B19 nicht ausreicht.
Bei akuter Infektion in der Schwangerschaft kann die Infektion auch auf den Feten übertragen werden. Riskant sind vor allem die ersten beiden Schwangerschaftsdrittel, während derer die Infektion des Feten zum Tod oder zu einem Hydrops fetalis (Wassersucht) führen kann. Eine englische Studie legt eine therapeutische Wirkung intrauteriner Bluttransfusionen in solchen Fällen nahe.
Zunächst war der Krankheitsbezug der Parvovirus B19-Infektion unklar. Im Laufe der Jahre ließen sich jedoch nach und nach Bezüge zu einer Reihe von klinischen Krankheitsbildern herstellen. Die überwiegende Mehrzahl der Infektionen verläuft jedoch symptomlos oder mit milden Beschwerden einer Virusinfektion. Wenn Symptome auftreten, lassen sich meist Fieber, Lymphknotenschwellungen und ein sog. Erythema infectiosum (die sog. Ringelröteln) registrieren. Differentialdiagnostisch ist die Parvovirus-B19-Infektion dann von einer Röteln- oder Maserninfektion abzugrenzen. Die Infektion tritt häufig epidemisch in Schulklassen und Kindergärten auf und weist einen zyklischen Charakter auf: Zwei bis drei Jahre mit hohen Erkrankungszahlen wechseln ab mit zwei bis drei Jahren, in denen die Infektion kaum auftritt.
Bei Erwachsenen, insbesondere bei Frauen, treten als Komplikation nach einer Infektion Gelenkschmerzen und -schwellungen auf, die bei etwa 10% der Betroffenen mehrere Monate, in Einzelfällen auch jahrelang bestehen bleiben. Differentialdiagnostisch sind diese Fälle von der rheumatoiden Arthritis abzugrenzen. Bei Patienten mit chronischen hämolytischen Anämien kann eine Parvovirusinfektion zu einer bedrohlichen aplastischen Krise führen, bei abwehrgeschwächten Patienten kann die Infektion persistieren und eine schwere Anämie herbeiführen.
Die meisten Krankheitssymptome erklären sich durch den Gewebetropismus des Virus: Der Rezeptor für das Parvovirus B19 ist das Globosid (Gb4), ein Glykosphingolipid, das vor allem von Geweben und Zellen mesodermalen Ursprungs wie roten Blutkörperchen, der Auskleidung von Gelenkkapseln, Gefäßendothelzellen und glatter Muskulatur großer Blutgefäße exprimiert wird.
Aplastische Krisen und schwere Anämien kommen durch die Infektion und Zerstörung der Vorläuferzellen der roten Blutkörperchen im Knochenmark zustande, die beim ansonsten Gesunden aber nur so kurz anhält, daß keine Symptome auftreten. Bei Patienten mit chronisch hämolytischer Anämie fehlen jedoch Reserven, so daß sich die Zerstörung der Vorläuferzellen unmittelbar mit einer vorübergehenden, aplastischen Krise bemerkbar macht, die Bluttransfusionen erfordert. Bei persistierender Infektion beim abwehrgeschwächten Patienten macht sich die Schädigung der Vorläuferzellen ebenfalls durch eine Anämie bemerkbar. Weniger klar ist die Ursache der Gelenkbeschwerden. Eine deutsch-österreichische Arbeitsgruppe vermutet in einer vor kurzem veröffentlichten Arbeit, daß es auch in diesen Fällen zu einer länger anhaltenden Virämie kommt, in deren Verlauf weniger empfängliche Zellen infiziert werden. In diesen Zellen könnte die Produktion von Virusproteinen im Sinne einer verstärkten Expression von Nicht-Struktur-Proteinen verändert sein. Eine abortive Infektion weniger empfänglicher Zellen wie Leukozyten und Synovialzellen (Gelenkkapselauskleidung) mit bevorzugter Produktion des zytotoxischen NS1-Proteins des Parvo-B19-Virus hätte den Untergang dieser Zellen und eine vermehrte Freisetzung dieses Proteins zur Folge, was die Stimulierung einer entsprechenden Antikörperproduktion und die häufigere Nachweisbarkeit von Antikörpern gegen dieses Protein bei Patienten mit Gelenkbeschwerden erklären würde.
Da die Parvovirus-B19-Infektion ein erhöhtes Risiko für Patienten mit hämolytischen Anämien, Schwangere und immungeschwächte Patienten darstellt, wird ein Screening von Blutkonserven und Plasmapools für diesen Empfängerkreis diskutiert. Auf Grund der hohen Prävalenz von Antikörpern in der gesunden Bevölkerung und der in der Regel fehlenden Infektiosität von antikörperhaltigem Blut ist ein Ausschluß von serologisch positiven Spendern nicht sinnvoll. Denkbar wäre ein Screening zur Entdeckung virämischer Spender, wofür entweder eine Testung mittels Polymerase-Ketten-Reaktion oder andere, weniger aufwendige Verfahren benutzt werden könnten. Japanische Transfusionsmediziner haben beispielsweise einen sog. Rezeptor-vermittelten Hämagglutinationstest (RHA) entwickelt, mit dem infektiöses Virus nachweisbar ist. Verglichen mit PCR-Tests ist das RHA-Verfahren 100- bis 1000mal weniger sensitiv, aber PCR-Tests weisen auch antikörpergebundenes und nicht mehr infektiöses Virus nach. Die Prävalenz virämischer Blutspender wird in nicht-epidemischen Perioden auf ca. 1/3000 geschätzt und kann in epidemischen Perioden bis auf eine Größenordnung von 1/150 ansteigen.
Mittelfristig ist mit der Verfügbarkeit eines Impfstoffes zu rechnen. Eine rekombinante Vakzine befindet sich derzeit bereits in Entwicklung. Falls ein solcher Impfstoff sich als sicher und wirksam erweisen sollte, wäre z.B. eine Kombination mit der Mumps-Masern-Röteln-Impfung denkbar.
Quelle: Info des RKI I/96