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Pentachlorphenol und Lindan im Innenraum |
Quelle: UMB und BAGS/G5 Hamburg
1 Einleitung
Holzschutzmittel lassen sich vereinfacht unterteilen in sog. ältere und neuere Holzschutzmittel. Zu den älteren zählen das Pentachlorphenol, das Lindan sowie niederchlorierte Naphthaline, zu den neueren, etwa seit Beginn der achtziger Jahre vermehrt bzw. ausschließlich eingesetzten Mitteln das Chlorthalonil, Dichlofluanid und das Permethrin aus der Gruppe der Pyrethroide. In dieser Checkliste werden Pentachlorphenol und Lindan behandelt; die chlorierten Naphthaline stellen sowohl hinsichtlich ihrer Geruchsproblematik als auch der geringen Häufigkeit des Vorkommens in Innenräumen einen Sonderfall dar.
Pentachlorphenol (PCP) wurde seit den dreißiger bis in die achtziger Jahre als fungizider
Zusatz in Holzschutzmitteln zur Behandlung tragender Gebäudeteile, in Farben und Lacken,
Textilien und Leder und bei der Papierherstellung eingesetzt. Eine Exposition gegenüber
PCP in Innenräumen erfolgt inhalativ durch Ausgasung aus behandelten Holzteilen, durch
Hautkontakt mit sekundär kontaminierten Einrichtungsgegenständen, Kleidung, Hausstaub
und durch Verzehr verunreinigter Lebensmittel. Lebensmittel stellen aufgrund der
ubiquitären Verbreitung des PCP den wesentlichen Aufnahmepfad für PCP dar. Es ist jedoch
nicht bekannt, welche Lebensmittel in besonderem Maße zu dieser Belastung beitragen. Eine
(vor allem initial) hohe Belastung ist bei Personen anzunehmen, die selbst PCP-haltige
Holzschutzmittel verstrichen haben, insbesondere bei unzureichender Lüftung während
dieser Tätigkeit. Erhöhte Konzentrationen von PCP in Lebensmitteln nach Anwendung in
Innenräumen werden vermutet.
PCP stellt eine schwache Säure, etwa vergleichbar der Essigsäure, dar und ist bei
physiologischen pH praktisch vollständig in das Phenolat dissoziiert. Angesichts der
relativ geringen Lipophilie ist eine Anreicherung und folglich eine Zunahme der
PCP-Belastung mit dem Alter nicht zu erwarten. Dies zeigt sich auch in den gemessenen
geringen PCP Konzentrationen in Muttermilchproben.
Inhalativ, dermal oder oral aufgenommenes PCP bindet sich im Blut zu über 90% an
Plasmaeiweiße. Nach Glucuronidierung in der Leber wird PCP mit einer HWZ von 1 bis 17 d
über den Urin ausgeschieden, das Ausmaß der Exkretion wird dabei durch den tubulär
rückresorbierten Anteil sowie den pH-Wert des Urin bestimmt. PCP wird individuell in
unterschiedlichem Maße glucuronidiert (20 - 70%) in den Urin ausgeschieden; deshalb muß
stets das hydrolysierte Gesamt-PCP im Urin gemessen werden. Zwischen der
PCP-Serumkonzentration (in µg/l) und der 24-Stdn.-Urinkonzentration (in µg/g Krea) wird
ein relativ konstantes Verhältnis von etwa 2: 1 bis 3: 1 beobachtet.
Des weiteren besteht offenbar eine Korrelation der Konzentrationen von PCP im Urin und
Hexachlorbenzol (HCB) im Blut; dies kann damit erklärt werden, daß PCP auch einen
Metaboliten des HCB darstellt. HCB wird überwiegend über die Nahrung aufgenommen. Beim
Abbau von PCP und HCB wird als gemeinsamer Metabolit das Tetrachlorhydrochinon beobachtet.
Dieser wird für die tierexperimentell beobachtbare kanzerogene Wirkung verantwortlich
gemacht.
1.1.2 Lindan
Als Lindan wird das aufgereinigte gamma(g)-Isomer der Hexachlorcyclohexane (HCH)
bezeichnet, das als einzige Verbindung dieser Substanzgruppe eine insektizide Wirkung
aufweist. Das technische, nicht aufgereinigte Lindan enthält zu erheblichen Teilen auch
a- und b-HCH. Lindan wird seit den fünfziger Jahren in der Land- und Forstwirtschaft, im
Holzschutz und in der Veterinär- und Humanmedizin (z. B. zur Bekämpfung von Läusen oder
Milben) eingesetzt. Die Lipophilie dieser Verbindungen bestimmt ihr Potential zur
Anreicherung in den Umweltmedien, das beim b-HCH am stärksten ausgeprägt ist und über
das a- und g-Isomer abnimmt. Hauptaufnahmepfad von Lindan stellt der Verzehr von
Lebensmitteln dar.
Lindan verteilt sich nach Aufnahme vor allem in Fettgewebe und lipidreiche Organe. Das
Konzentrationsverhältnis von Blut zum Fettgewebe beträgt etwa 200 - 250, zum ZNS etwa 3
- 4, darüber hinaus findet eine Anreicherung in der Frauenmilch statt. Lindan wird in der
Leber metabolisiert und entweder in konjugierter Form (Glucuronid, Sulfat) oder als
Abbauprodukt, vor allem als Tetra- oder Trichlorphenol, ausgeschieden. Bei kurzfristiger
hoher Exposition, z. B. nach der Aufbringung therapeutischer Dosen auf der Haut, wird
Lindan mit einer Halbwertzeit von etwa zwanzig Stunden aus dem Blut eliminiert; bei
chronischer Exposition wird eine Halbwertzeit von 8 - 10 Tagen beobachtet. Hingegen weist
das b-HCH eine wesentlich längere Eliminationshalbwertzeit auf.
Tierexperimentell wurde eine krebserzeugende Wirkung nur für das a- und b-HCH, jedoch
nicht für das Lindan gefunden.
1.2 Fragestellung
Zu unterscheiden ist zwischen Patienten, die Gesundheitsstörungen angeben und einen Zusammenhang mit einer Exposition gegenüber Holzschutzmitteln vermuten, und Ratsuchenden ohne Beschwerden, die eine vorhandene Exposition gegenüber PCP bzw. Lindan abklären lassen möchten. Hieraus ergeben sich folgende Fragestellungen:
2 Expositions- und medizinische Untersuchungen
2.1 Anamnese / klinische Untersuchung
Obwohl PCP und Lindan in zahlreichen Haushalten großflächig eingesetzt wurden und nach Schätzungen etwa 10% der westdeutschen Bevölkerung jahrelang exponiert waren, konnte bis heute von Seiten der Wissenschaft kein einheitliches Krankheitsbild einer chronischen PCP- bzw. Lindan-Vergiftung in diesem Dosisbereich definiert werden. Die Beschwerden sind unspezifisch und heterogen; häufig werden Befindlichkeitsstörungen und neurologische Symptome im Sinne eines chronischen Erschöpfungssyndrom genannt (eine Übersicht gibt z.B. HEINZOW 1992). Hinweise aus der Arbeitsmedizin sind ebenfalls nur begrenzt verwertbar, da sich der Einfluß von Verunreinigungen des PCP, vor allem der Dioxine, nur schwer abtrennen läßt. Vor diesem Hintergrund erscheint es über die Abklärung von Symptomen hinaus derzeit nicht sinnvoll, ein spezifisches Untersuchungsprogramm durchzuführen.
2.2 Expositionsanamnese
Folgende Parameter sollten in jedem Fall möglichst präzise, ggfls. im Rahmen einer Begehung ermittelt werden:
2.3 Interne Belastung
Es ist bisher nicht mit Sicherheit bekannt, welche Expositionspfade in welchem Ausmaß zur
Belastung mit PCP oder Lindan beitragen. Vor allem der Beitrag der Raumluft zur Exposition
ist schwer abzuschätzen, da mit Anreicherungen von PCP und Lindan in Lebensmitteln sowie
im Hausstaub zu rechnen ist. Bisherige Untersuchungen konnten keinen klaren Zusammenhang
zwischen Raumluft und interner Belastung aufzeigen; einzelne Befunde weisen aber darauf
hin, daß Expositionsabschätzungen auf der Basis von Raumluftmessungen zu einer
gravierenden Unterschätzung der tatsächlichen Belastung führen können, weil mögliche
andere Pfade (Lebensmittel, Textilien, Hausstaub) nicht ermittelt werden. Hieraus leitet
sich die Konsequenz ab, bevorzugt die interne Belastung zu ermitteln, die die
Gesamtexposition widerspiegelt.
AIs geeignet ist vor allem die Bestimmung des PCP im Blut bzw. Serum anzusehen (wegen der
hohen Plasmaeiweißbindung des PCP bestehen zwischen PCP-BIut- und Serumwerten keine
wesentlichen Unterschiede). Bei Kleinkindern kann ggfs. auf die Bestimmung des PCP im Urin
ausgewichen werden.
Lindan wird ausschließlich im Vollblut untersucht. Urinuntersuchungen sind wegen der
größeren Anzahl dabei zu bestimmender Metabolite im umweltmedizinischen Dosisbereich
problematisch.
Die hohen Anforderungen an die Genauigkeit und Sicherheit der Bestimmung von PCP und
Lindan im Blut können zur Zeit nur von wenig Laboren in Deutschland erfüllt werden.
Unverzichtbar ist deshalb der Nachweis der Eignung des untersuchenden Labors, vorzugsweise
durch ein Zertifikat, daß es erfolgreich an Ringversuchen (z.B. der Deutschen
Gesellschaft für Arbeits- und Umweltmedizin) teilgenommen hat.
3 Gesundheitliche Bewertung
3.1 Bewertung der internen Belastung
Aufgrund der Beschränkung der PCP-Verwendung in Innenräumen seit Beginn der achtziger
Jahre (Verwendungsverbot 1986, Herstellungsverbot 1989) ist die PCP-Exposition seit Jahren
rückläufig; z. B. sank der Median der PCP-Blutkonzentration nicht spezifisch
HSM-exponierter Personen von etwa 30 (1987) auf etwa 10 µg/l (1991) und das 95. Percentil
von etwa 70 auf unter 20 µg/l. Vor diesem Hintergrund ist ein strikter Bezug auf einen
festen Referenzwert nicht sinnvoll. Ferner ist zu beachten, daß bei der Erstellung von
Referenzwerten exponierte Personen hinreichend sicher ausgeschlossen werden.
Idealerweise sollte in regelmäßigen (mehrjährigen) Abständen entsprechend den
Empfehlungen zur Erstellung von Referenzwerten (z.B. IFCC) aus einem repräsentaiven
Kollektiv ein Referenzwert ermittelt werden. Hilfsweise kann aus bisherigen Daten ein
Referenzwert extrapoliert werden. Für 1994 wird der Referenzwert (95. Percentil) für
nicht spezifisch HSM-exponierte Personen auf 15 µg/l geschätzt.
Die Bewertung von Lindan-Werten im Blut bei Patienten aus Hamburg und Umgebung ist
insofern problematisch, da in Hamburg ein Lindan-Produzent ansässig war und damit eine
spezifische Expositionssituation vorliegt, so daß regionale Besonderheiten nicht
ausgeschlossen werden können. Aufgrund der Halbwertzeit von Lindan z.B. im Boden von etwa
1 Jahr ist jedoch zu vermuten, daß dieser Einfluß nicht mehr sehr ausgeprägt ist.
Aufgrund der vorhandenen Daten wird ein Referenzwert von 0,2 µg/l zugrundegelegt.
3.2 Bewertung der Anamnese / klinischen Untersuchung
Für die Vielzahl der gesundheitlichen Beschwerden, die von Betroffenenseite auf eine
Holzschutzmittelexposition zurückgeführt werden, kann bisher nicht wissenschaftlich
belegt werden, daß es sich um eine spezifische Wirkung dieser Substanzen handelt.
Vielmehr erscheint das Beschwerdebild unspezifisch und kann am ehesten als chronisches
Erschöpfungs- und Ermüdungssyndrom beschrieben werden (Heinzow 1992). Demzufolge ist
bisher auch kein spezielles diagnostisches Verfahren vorzuschlagen. Vielmehr hat sich die
Differentialdiagnostik an der Symptomatik des einzelnen Patienten zu orientieren und
können zur Eingrenzung und Bewertung eines möglichen Kausalzusammenhangs zwischen den
Beschwerden und der Exposition lediglich Karenz- und Reexpositionsversuche herangezogen
werden.
Da bei vielen Betroffenen Beschwerden im Sinne eines chronischen Müdigkeitssyndroms im
Vordergrund stehen, sind in die Differentialdiagnose die derzeit existierenden
Arbeitshypothesen und vorgeschlagene Diagnostik zum Multiple Chemical Sensitivity Syndrome
(MCS-Syndrom) und Chronic Fatigue Syndrome (CFS-Syndrom) einzubeziehen. Die bisherigen
Arbeitsdefinitionen zu MCS sind allerdings unbefriedigend, da weder eine spezifische
Symptomatik einzugrenzen ist noch wissenschaftlich belegte Hypothesen zur Pathogenese
existieren. Dementsprechend beschränken sich die diagnostischen Empfehlungen auch auf
eine detaillierte Expositionsanamnese unter besonderer Berücksichtigung früherer (evtl.
hoher) Expositionen am Arbeitsplatz und im Wohn- und Freizeitbereich. Die medizinische
Differentialdiagnose erfolgt auch hier systemorientiert.
Bezüglich des sog. chronischen Erschöpfungssyndroms CFS hat eine Arbeitsgruppe des
Bundesministeriums für Gesundheit Vorschläge zur Diagnostik und Klassifikation
erarbeitet, die kürzlich in einer Übersicht des Deutschen Ärzteblattes publiziert
wurden (Fock und Krüger, Dtsch. Ärztebl. 1994). Die Diagnosekriterien der CDC für das
chronische Müdigkeitssyndrom und Vorschläge für eine Basisdiagnostik wurden an anderer
Stelle veröffentlicht (Ewig in DMW 1993). Neben der Anamnese, der körperlichen
Untersuchung und der Erhebung klinisch-chemischer Routine-Laborparameter wird eine
gezielte endokrinologische, immunologische und infektionsserologische Diagnostik,
außerdem eine psychiatrische Exploration und fachneurologische Untersuchung
vorgeschlagen. Zur anamnestischen Eingrenzung des Symptoms Müdigkeit und seiner eher
psychogenen oder somatischen Genese werden Kriterien wie der zeitliche Verlauf, Phasen der
Erholung, die Gewichtung des Symptoms, somatische und psychische Begleitzeichen erfragt.
Den zum CFS gemachten Vorschlägen zum diagnostischen Procedere läßt sich bei Bestehen
einer vergleichbaren Symptomatik auch bei nachgewiesener Holzschutzmittelexposition
folgen.
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