| Formaldehyd - Informationsblatt |
Vorkommen
Formaldehyd wird in kleinen Mengen in der Atmosphäre und durch biochemische Prozesse
(Methanzyklus) erzeugt. Anthropogene Quellen umfassen die industrielle Verwendung in der
Kunstharzindustrie (Aminoplaste, Holzwerkstoffe, Isolierschäume, Klebstoffe) und z.B. in
der Textilindustrie. Formaldehyd ist Bestandteil von Arzneimitteln, Kosmetika,
fotografischen Erzeugnissen, Haushaltsreinigern und stellt ein wichtiges
Flächendesinfektionsmittel u.a. in Krankenhäusern dar. Formaldehyd entsteht bei den
meisten Verbrennungsprozessen. Der Rauch einer Zigarette enthält etwa 1,5 mg Formaldehyd.
Bei der Formaldehydimmission steht der Kfz-Verkehr an erster (!) Stelle.
Metabolismus / Toxikokinetik
Formaldehyd wird durch die Atemwege und den Gastrointestinaltrakt leicht aufgenommen und
praktisch vollständig resorbiert. Dagegen scheint die dermale Absorption von Formaldehyd
gering zu sein. Formaldehyd wird rasch zu Kohlendioxid und - in geringerem Ausmaß - zu
Ameisensäure oxidiert. Die Halbwertzeit inhalativ aufgenommenen Formaldehyds im Körper
beträgt 1-1,5 Minuten. Ein kleiner Teil des Formaldehyds kann im Stoffwechsel der
Kohlenstoffverbindungen mit einem C-Atom in körpereigene Substanzen eingebaut werden. Als
elektrophiles Agens reagiert es leicht mit Aminogruppen von Proteinen und Einstrang-DNA
unter Bildung von "cross-links" (denaturierende/desinfizierende Wirkung).
Zelluläres reduziertes Glutathion trägt zur natürlichen Entgiftung bei, indem es
Formaldehyd bindet.
Grenzwerte
MAK- Liste: 0,6 mg/m3 (0,5 ppm),
als im Tierversuch kanzerogener Schadstoff (III B) eingestuft (6).
Grenzwertempfehlung des BGA (2): 0,12 mg /m3 (2).
Umweltbelastung
Umweltsurvey:
Formaldehydkonzentration in der Innenraumluft von Haushalten:
Medianwert 55 µg/m3 (Streubereich: von "nicht nachweisbar" bis 309 µg/m3) (7).
Klinischer Referenzwert
<30 mg Ameisensäure/l Urin. Die Ameisensäurebestimmung im Harn ist zur Erfassung einer chronischen Formaldehydbelastung
im unteren ppm-Bereich nicht geeignet (4), da der Großteil der Ameisensäure aus dem
Nuklein- und Aminosäurekatabolismus stammt.
Vergiftungsbild
Formaldehyd ist in der Raumluft bereits in Konzentrationen ab etwa 0,3 mg/m3 aufgrund
seines stechenden Geruchs deutlich wahrnehmbar. Es bewirkt eine Reizung der oberen
Atemwege (ab etwa 1 mg/m3), der Augen-, Nasen- und Rachenschleimhaut, in höheren
Konzentrationen auch Kopfschmerz, Übelkeit und Tränenfluß bis hin zu Laryngospasmen und
Lungenödemen. Dabei werden große individuelle Unterschiede in der Empfindlichkeit
gegenüber Formaldehyd beobachtet. Die Symptome verschwinden, sobald Formaldehyd nicht
mehr einwirkt. Das Auftreten funktioneller respiratorischer Störungen nach chronischer
Formaldehydbelastung wird kontrovers diskutiert (3,5,6).
Ob eine inhalative Formaldehydbelastung zu einer Immunantwort des Körpers führt, ist
offen. Allergische Reaktionen (Kontaktdermatitis) sind jedoch möglich, wenn Haut mit
wäßrigen Formaldehydlösungen in Berührung gekommen ist (1).
Vorbeugende Maßnahmen
Verminderung der Verkehrsemissionen und Verzicht auf das Rauchen. Rauchen stört z. B.
Formaldehydmessungen in der Innenraumluft für ca. 24 Stunden!
Entfernung der Emissionsquelle (z.B. Entfernung von Möbeln der Emissionsklassen E2 und E3
bzw. von Formaldehyd-ausgasenden sog. "Ortschäumen"). Waschen von Textilien vor
dem ersten Tragen, Einschränkung bzw. Verzicht auf formaldehydhaltige Reinigungs- und
Desinfektionsmittel, Überprüfung von Kosmetika (schweiß-hemmende Mittel ) auf ihren
deklarierten Formaldehydgehalt (Deklarationspflicht besteht ab 0,05 %).
Zusammenfassende Beurteilung
Formaldehyd ist ein natürlich vorkommender Metabolit, der nach inhalativer oder oraler
Aufnahme im Körper rasch abgebaut wird, ohne daß der Formaldehydspiegel im Blut steigt.
Schäden sind daher - in Abhängigkeit von der Formalde-hydkonzentration - praktisch nur
an den Organen zu erwarten, die mit Formaldehyd in Berührung gekommen sind. Formaldehyd
ist weder embryo- noch fetotoxisch. In vitro wurde in mehreren Testsystemen eine mutagene
Aktivität beobachtet. Die Inhalation von Formaldehyd in hohen Konzentrationen bewirkt bei
Ratten neben der Mukosaschädigung eine Induktion von Tumoren der Nasenschleimhaut. Daher
ist Formaldehyd im Zusammenhang mit seiner mutagenen Wirkung sowie seiner Fähigkeit,
Proteine und DNA zu vernetzen, in die Gruppe III B der MAK-Liste eingestuft worden.
Übliche inhalative Formaldehydbelastungen in der Größenordnung.
Literatur
1.) Aberer, W., Reiter, E.: Kontaktekzem und Epikutantest - Allergenverteilung und Wandel
des Spektrums in Wien. Wiener Klin. Wschr. 103 (1991) 262-267.
2.) Bundesgesundheitsamt: Zur Gültigkeit des 0,1 ppm-Wertes für Formaldehyd.
Bundesgesundhbl. 35 (1992) 482-483.
3.) Harving, H. et al.: Pulmonary function and bronchial reactivity in asthmatics during
low-level formaldehyde exposure. Lung 168 (1990) 15-21.
4.) Heinzow, B., Ellrott, T.: Ameisensäure im Urin - ein sinnvoller Parameter der
umweltmedizinischen Diagnostik?, Zbl. Hyg., 192 (1992) 455-461.
5.) Malaka, T. und Kodama, A. M.: Respiratory health of plywood workers occupationally
exposed to formaldehyde. Arch. Environ. Health (USA) 45 (1990) 288-294.
6.) Occupational Toxicants, Vol. 3, (Deutsche Forschungsgemeinschaft) Verlag Chemie,
Weinheim, (1992) S. 173 - 189.
7.) UBA/BGA. WaBoLu-Hefte 4/1991: Umweltsurvey IIIc - Wohn-Innenraum: Raumluft. (1991) BGA
Berlin.
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