|
Zur
Tübinger Amalgam-Studie: |
Autoren: Rainer Schiele, Michael Erler,
Elmar Reich
Quelle: Deutsches Ärzteblatt 93, Heft 22, 31. Mai 1996 (19)
In den letzten Wochen hat eine vom Bund Naturschutz und der Momo-Stiftung unterstützte
Tübinger Amalgam-Studie für Verwirrung in der Öffentlichkeit und in der
Zahnärzteschaft gesorgt. Darin wurde behauptet, daß ein Großteil der Amalgamfüllungen
schadhaft sei und deswegen überprüft werden müßte. Bei 28 Prozent der Testpersonen
seien im Speichel Quecksilbermengen gemessen worden, die den von der WHO festgelegten
Grenzwert der Quecksilberaufnahme pro Tag von 43 Mikrogramm zum Teil um ein Mehrfaches
überschritten hätten. Im folgenden Beitrag erläutern die Autoren, daß Speichelanalysen
keine zuverlässige Aussage über die tägliche Quecksilberbelastung des Menschen aus
Amalgamfüllungen erlauben.
Grundlage der Aussage waren Quecksilberanalysen in Speichelproben, die spontan und nach
dem Kauen von Kaugummi gewonnen wurden. Die Ergebnisse der Tübinger Amalgam Studie (1)
wurden umgerechnet auf tägliche Aufnahmemengen und in Beziehung gesetzt zu den von der
WHO empfohlenen Grenzwerten der maximalen Quecksilberaufnahme mit der Nahrung und bei
deren rechnerischen Überschreitung auf eine Schadhaftigkeit der Füllungen geschlossen.
Außerdem wurden Vergleiche der üblichen Hintergrundbelastung durch Atemluft und
Trinkwasser angestellt.
Bei der Untersuchung handelt es sich offensichtlich um die Arbeit einer Gruppe
analytischer Chemiker. Zahnärzte und toxikologisch versierte Ärzte waren offensichtlich
weder an der Planung noch an der Durchführung der Untersuchung oder der Interpretation
der Ergebnisse beteiligt. Aus diesem Grunde sehen wir uns veranlaßt, die bisherigen
Untersuchungsergebnisse kritisch zu bewerten. Dabei sind insbesondere drei Aspekte von
Bedeutung:
1. Die Quecksilber-Analytik im biologischen Material und die Bedingungen der statistischen
Qualitätssicherung.
2. Die Eignung des Materials Speichel für Aussagen über die Quecksilber-Abgabe
beziehungsweise Quecksilber-Aufnahme in den Organismus.
3. Die toxikologische und zahnmedizinische Interpretation von Speichelmeßwerten im
Hinblick auf die Qualität von Amalgamfüllungen.
Diesbezüglich ist im einzelnen folgendes festzustellen:
Ad 1: Bei der Analytik von Spurenelementen im biologischen Material sind die Kriterien der
statistischen Qualitätssicherung gemäß den Richtlinien der Bundesärztekammer und
speziell der TRGS 410 zu beachten. Bei der bisher vorliegenden Untersuchung ist nicht
erkennbar, daß diese Kriterien erfüllt wurden.
Ad 2: Speichel ist physiologisch bedingt ein heterogenes Material
wechselnder Zusammensetzung. Quantitative Umrechnungen von punktuell gemessenen
Konzentrationen auf tägliche Aufnahmemengen sind daher von vornherein problematisch.
Einzelne Meßwerte erlauben nur allenfalls grobe Abschätzungen. Da es für Speichel auch
keine zuverlässigen Korrekturwerte gibt, die die Konzentrationsunterschiede ausgleichen
könnten, sind im Einzelfall starke Schwankungen der jeweiligen Konzentrationen im
Speichel zu erwarten. Zwar berichten die Autoren der Tübinger Amalgam-Studie, daß sie
die jeweiligen Speichelvolumina registriert haben. Angegeben und bewertet wurden bisher
aber lediglich die literbezogenen Konzentrationen. Unbedingt notwendige Vorarbeiten, die
die Reproduzierbarkeit des Verfahrens hätten darstellen können, wurden offensichtlich
nicht durchgeführt. Unbeachtet blieb anscheinend auch, daß Quecksilber im Speichel in
verschiedenen Bindungsformen vorliegen kann, die ein ganz unterschiedliches und vom
"Nahrungs-Quecksilber" deutlich abweichendes Resorptionsverhalten zeigen.
Insbesondere kann es zu massiven "Ausreißern" durch metallischen Abrieb kommen,
der praktisch nicht resorbierbar ist. Mit zirka zehn Prozent gut resorbierbar sind nur die
anorganischen Korrosionsprodukte (Ionen) von Quecksilber. Mit kurzzeitig hohen
Konzentrationen von elementarem Quecksilber im Speichel ist nach dem Legen von
Amalgamfüllungen oder auch nach dem Polieren sowie vorübergehend nach dem Kauen
beziehungsweise im Falle von Zähneknirschen (Bruxismus) zu rechnen, ohne daß wegen der
geringen Resorption über den Magen-Darm-Trakt hieraus auf eine deutlich erhöhte
Belastung des Gesamtorganismus oder sogar auf eine unzureichende Qualität der
Amalgamfüllungen geschlossen werden könnte.
Auch die zusätzliche Durchführung eines "Kaugummitests" suggeriert nur eine
verbesserte Aussage über die Qualität der Amalgamfüllungen, läßt im Hinblick auf die
genannten Unwägbarkeiten und insbesondere auf die durch das Kauen verursachte
unterschiedliche Stimulation des Speichelflusses aber keine objektiveren Aussagen zu.
Statistisch gesicherte Abhängigkeiten zwischen den Quecksilberkonzentrationen im Speichel
und der Zahl der Amalgamfüllungen bestehen weder vor noch nach dem Kauen. Die Beziehungen
der Quecksilberkonzentrationen im Speichel zur Quecksilberausscheidung im Urin waren in
einer anderen Untersuchung sogar in der Tendenz invers (2). Eindeutig konnte hingegen bei
vielen Untersuchungen festgestellt werden, daß die Quecksilberausscheidung im Urin mit
steigender Zahl der Amalgamfüllungen signifikant zunimmt [3, 5].
Ad 3: Die Besonderheiten des Materials Speichel und die unterschiedlichen Bindungsformen
von Quecksilber im Speichel erlauben insgesamt keine zuverlässige Aussage über die
tatsächliche Gesamtbelastung des Organismus. Die wesentlichen Quellen der
Quecksilberbelastung der Allgemeinbevölkerung wurden 1991 von der WHO zusammengefaßt
(6). Dabei wurden die mittlere tägliche Aufnahme und Resorptionsrate von Quecksilber in
Abhängigkeit von der Bindungsform und den Belastungspfaden wie folgt dargestellt
(Tabelle). Der überwiegende Teil der Quecksilberresorption aus Amalgamfüllungen
resultiert danach aus der inhalativen Aufnahme von Quecksilberdampf und nicht aus dem
Verschlucken von Abrieb oder Korrosionsprodukten.
Die von den Autoren der Tübinger Amalgam-Studie vorgenommenen Hochrechnungen von
Speichelwerten auf tägliche Aufnahmemengen sowie Vergleiche mit Grenzwerten der
Trinkwasserverordnung (1 µg/l) oder Maximalbelastungen in Industriegebieten sind für
eine toxikologische Bewertung ungeeignet. Da die Untersuchungsmethode der Speichelanalyse
weder bei "hohen'' noch bei "niedrigen" Meßwerten Aussagen über die
Qualität der Amalgamfüllungen zuläßt, kann auch der Zahnarzt im Rahmen seiner
Untersuchungsmöglichkeiten keine toxikologisch und zahnmedizinisch sinnvolle
Interpretation der Meßwerte vornehmen und aus diesen auch keine Indikation für einen
Austausch ableiten.
Aus zahnmedizinischer Sicht können und sollten die vorhandenen Amalgamfüllungen primär
nur hinsichtlich ihrer klinischen Qualität (Randqualität, Abrasion und Korrosion)
untersucht werden. Wenn diese klinischen Parameter auf eine insuffiziente Amalgamfüllung
hinweisen, so sollte diese erneuert werden. Die Auswahl des Füllungsmaterials muß sich
nach den gesetzlichen Bestimmungen und dem Stand der Wissenschaft richten. Nur bei
Amalgamunverträglichkeiten, insbesondere bei Allergien, sollte auf Amalgam prinzipiell
verzichtet werden.
Zusammenfassend besteht kein Anlaß für die Annahme, daß Speichelanalysen eine
zuverlässige Aussage über die Quecksilberbelastung des Menschen aus Amalgamfüllungen
beziehungsweise eine Bewertung ihrer Qualität zulassen.
Toxikologisch verwertbar sind Untersuchungen der Quecksilberausscheidung mit dem Urin
(3,4). Zahnärzte und Ärzte, die mit angeblich überhöhten "Speichelwerten"
konfrontiert werden, könnten eine Quecksilberanalyse im Urin (vorzugsweise Morgenurin mit
Kreatininbezug) veranlassen, die eine zuverlässigere Aussage über die integrative
Gesamtbelastung erlaubt.
Selbst bei umfangreicher Amalgamversorgung ergeben sich dabei- sofern keine anderen
Quellen einer Quecksilberaufnahme bestehen - erfahrungsgemäß aber keine toxikologisch
bedenklichen Konzentrationen. Die Meßwerte liegen im Durchschnitt bei 1 µg/l
beziehungsweise 1 µg/g Kreatinin. Die obere Normgrenze von 5 µg/l beziehungsweise 5
µg/g Kreatinin wird nur in wenigen Ausnahmefällen überschritten.
Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, anzufordern über die
Verfasser.
Anschrift für die Verfasser:
Prof. Dr. med. Rainer Schiele Klinikum der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Institut
für Arbeits-, Sozial und Umweltmedizin 07740 Jena
| zurück zum Seitenanfang |
| zurück zur Übersicht Quecksilber / Amalgam |
| zurück zur Übersicht der Schwermetalle |
| zurück zu Schadstoffe A - Z |