| Isoproturon - Information |
Autoren: von Mühlendahl, Otto Dokumentations- und Informationsstelle für Umweltfragen Iburger Str. 200 49082 Osnabrück
Am Samstag, den 27.01.1996 um 6.47 Uhr ist bei der Firma Hoechst in Frankfurt durch
technisches Versagen und Fehler der Bedienungsmannschaft ca. 1 t des Pflanzenschutzmittels
Arelon (Wirkstoff Isoproturon) freigesetzt worden. Das Pflanzenschutzmittel hat sich als
geruchloses weißes Pulver im Umfeld niedergeschlagen. Neben dem Werksgelände sind die
Stadtteile Schwanheim und Griesheim betroffen.
Informationen zur Substanz
Erste Informationen wurden am 29.01.1996 vorab mitgeteilt, die heute (30.01.1996) nach Rücksprache mit Frau Dr. U. Heudorf im Stadtgesundheitsamt Frankfurt/M. und nach Vorliegen nicht veröffentlichter Ergebnisse der Firma Hoechst und Einrichtungen des ehem. BGA modifiziert und ergänzt wurden.
| Chemischer Name | N-(4-Isopropylphenyl)-N',N'-Dimethylharnstoff |
| CAS-Nr. | 34123-59-6 |
| Farbe | farblos |
| Geruch | geruchlos |
| Schmelzpunkt | 155-156 Grd. C |
| Dampfdruck | < 1 mPa bei 20 Grd. C |
| Löslichkeit | 65 mg/l Wasser bei 20 Grd. C, 75 g/l Methanol |
| Verteilungskoeff. | 2,5 (log Po/w) bei 22 Grd. C |
Verwendung
Isoproturon wird als Herbizid gegen einjährige
Gräser sowie Unkräuter besonders in Getreidekulturen eingesetzt.
Verhalten im Säugerorganismus
Resorption und Metabolismus
Nach oraler Aufnahme rasche und weitgehend vollständige Resorption und schnell
einsetzende, überwiegend renale Ausscheidung in Form von Konjugaten mit noch intakter
Harnstoffstruktur am Ring. Die biochemische Umwandlung setzt sowohl an den Methylgruppen
als auch über Oxydation der Isopropylgruppe an (5).
Enzyminduzierende Eigenschaften
Isoproturon induzierte in der Leber männlicher Wistarratten, die an drei
aufeinanderfolgenden Tagen mit jeweils 1/6 der LD50-Dosis oral behandelt worden waren,
einen Anstieg der Epoxidhydrolase (400%) sowie eine vermehrte Synthese verschiedener
Enzyme des Monooxygenase-Komplexes (2).
Toxizität (für das Handelsprodukt Arelon P flüssig) (5).
LD50 oral (mg/kg): 1680 (weibl.) bzw. 1940 (männl. Ratte)
LD50 dermal (mg/kg): > 4000 (weibl. Ratte)
Die Substanz ist haut- und augenreizend.
Duldbare tägliche Aufnahme: 0,0025 mg/kg KG (1). Diese Festlegung stammt aus dem Jahr
1989.
Neurotoxizität
In einer Studie zur Neurotoxizität von Isoproturon in Mäusen fanden S. N. Sarkar und P.
K. Gupta (3) (nach Dosen im g/kg-Bereich) einen hemmenden Effekt auf den zentral
gesteuerten Bewegungsablauf und eine sedative Wirkung auf das ZNS.
In einer anderen Studie fanden sich bei dreiwöchiger Applikation bis zur höchsten
getesteten Dosis (300 mg/kg KG) sich keine Hinweise auf ein neurotoxisches Potential
(Hühnchentest).
Fötotoxisches und teratogenes Potential
S. N. Sarkar und P. K. Gupta (4) beobachteten an Ratten ein fötotoxisches Potential von
Isoproturon, das nach den jetzt vorliegenden Erkenntnissen auf Verunreinigungen
zurückzuführen ist.
Gentoxizität
Zur Gentoxizität von Isoproturon in tierischen Zellsystemen liegt lediglich die
Originalarbeit von Behera und Bhunya aus dem Jahre 1990 vor. Die Gentoxizität wurde in
vivo an Swiss-Albinomäusen nach intraperitonealer Verabreichung des Isoproturons
getestet. Die im Chromosomenabberations-, Mikronukleus- und Spermienabnormalitätstest
festgestellten Anzeichen für eine Gentoxizität sind auf Verunreinigungen der
untersuchten Substanz zurückzuführen.
Nach Untersuchungen von H. Dunkelberg und R. Edenharder (2) konnten im SCE-Test (Sister
chromatid exchange) keine Anhaltspunkte für ein gentoxisches Potential von Isoproturon
festgestellt werden. Auch im Salmonella/Mikrosomentest sowie im Mikronukleus-Test konnten
weder eine mutagene Aktivität noch eine signifikant erhöhte Anzahl von Mikronuklei
nachgewiesen werden.
Kanzerogenität
Zur Kanzerogenität von Isoproturon liegen nicht veröffentlichte Untersuchungsberichte
vor, nach denen im Fütterungstest über 2 Jahre ab einer Dosierung von 400 mg/kg Futter
(männliche Ratten) bzw. 2000 mg/kg Futter (weibl. Ratten) erhöhte Lebergewichte und eine
erhöhte Inzidenz von Lebertumoren festgestellt wurden.
Bewertung
Isoproturon ist akut kaum giftig. Aus Tierversuchen gibt es keine Hinweise auf hautreizende oder allergisierende Wirkungen und keine Hinweise auf Neuro-, Fetotoxizität, Teratogenität oder Mutagenität. Bei hohen Dosierungen wurde eine kanzerogene Wirkung nachgewiesen.
Literatur
1. Bundesgesundheitsamt: Bekanntmachungen des BGA. Bundesges.blatt 36 Heft 6 (1993) 251
2. Dunkelberg, H. und R. Edenharder: Toxikologie und trinkwasserhygienische Bewertung von
Pflanzenbehandlungsmitteln. Springer Verlag 1994
3. Sarkar, S. N. und P. K. Gupta: Neurotoxicity of isoproturon, a substituted phenylurea
herbicide, in mice. Indian J Exp Biol (1993) 977-981
4. Sarkar, S. N. und P. K. Gupta: Fetotoxic and teratogenic potential of substituted
phenylurea herbicide, isoproturon, in rats. Indian J Exp Biol (1993) 280-282
5. Wirkstoffe in Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmitteln.
Physikalisch-chemische und toxikologische Daten. Hrsg.: Industrieverband Agrar e. V. BLV
Verlagsgesellschaft 1990